Philatelie
Propaganda im kleinen Format PDF Drucken E-Mail
Samstag, 20. September 2008 um 12:38

Eine sehenswerte Ausstellung

Leser wissen um die Aufarbeitung der Philatelie und Postgeschichte, die die Zeit des Dritten Reiches schon mehrfach erfahren hat. Speziell aus philateliegeschichtlicher Sicht, womit einerseits das Erleben und Geschehen von Menschen und Verbänden angesprochen ist, andererseits auch Marken, Belege und Dokumente, die noch heute häufig mehr aussagen als viele noch so gut gewählte Worte. Umso größere Bedeutung kommt aber gerade den Zeugnissen jener Zeit zu, die bislang nicht bekannt sind und in Archiven lagern. Dr. Andreas Hahn, Leiter des Archivs für Philatelie der Museumsstiftung Post und Telekommunikation in Bonn, präsentierte im Rahmen einer kleinen Ausstellung am 12. Oktober 2004 in Bonn eine Reihe von bislang nicht bekannten Markenentwürfen aus jener Zeit. Wenngleich diese sehenswerte und beeindruckende Zusammenstellung im Bonner Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (das Archiv für Philatelie ist in diesem Hause beheimatet) auch nur bis zum 8. November für wenige geladene Gäste zu sehen war, so hat jeder Sammler die Möglichkeit, diese Sonderschau 2005 bei der Internationalen Briefmarkenmesse in München, voraussichtlich auch in den Museen für Kommunikation verschiedener Städte, zu besichtigen, philatelie dokumentiert vorab die Ansprache, die Dr. Hahn der Ausstellung mit auf den Weg gab und zeigt einige der Entwürfe, die den Betrachter nachdenklich machen.

Wenn man im Herbst des Jahres 2004 eine Ausstellung mit Briefmarken und Briefmarkenentwürfen ausgerechnet des Nationalsozialismus plant und davon Freunden oder Bekannten berichtet, dann verspürt man schnell einen gewissen Rechtfertigungsdruck. Schnell kommt die Rede auf den regelrechten Boom, den das Thema „Nationalsozialismus“ momentan in den Medien erlebt: eine Fülle von Artikeln, Berichten und Dokumentationen beschäftigt sich mit dem Dritten Reich und speziell mit der Person Hitlers, der Film über die letzten Tage und das Ende Hitlers in der Reichskanzlei füllt in diesen Wochen die Kinos. Die Faszination dieser Epoche und das Bedürfnis nach Erinnerung scheint auch nach 60 Jahren ungebrochen und kontrastiert merkwürdig mit der gelegentlich aufkommenden Forderung, nach so langer Zeit müsse doch nun endlich mal Schluss sein mit dem Gedenken. „Der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte wird man nicht gerecht, wenn man es vermeidet, sich damit zu beschäftigen ... Man muss deutlich werden lassen, wie es sich damals im Alltäglichen ausgewirkt hat ...“ - Bundesminister Jürgen Trittin bei seiner Eröffnungsansprache in Bonn.
Die Gründe für diesen momentanen Boom mögen vielfältig sein: da sind zum einen natürlich die regelmäßig wiederkehrenden Jahrestage, derer mit viel medialem Aufwand gedacht wird: in diesem Jahr gab es da unter anderem die Landung der Alliierten in der Normandie, Stauffenbergs Attentat auf Hitler sowie den Warschauer Aufstand, und im kommenden Frühjahr werden sicherlich der 60. Jahrestag der totalen militärischen Niederlage und das Ende der NS-Herrschaft ausführlich thematisiert werden.

Ein zweiter Grund für das eher anziehende als nachlassende Interesse der Öffentlichkeit an diesen Themen dürfte in der Tatsache zu suchen sein, dass die Zeitzeugen langsam knapp werden. Die Möglichkeiten, Augenzeugen oder gar bewusste Akteure aus der NS-Zeit zu befragen, werden nach so vielen Jahren immer geringer, für TV-Anstalten und Filmemacher werden diese Zeugen also immer wertvoller. Die daraus folgende Flut von Dokumentationen oder Doku-Dramen führte die Süddeutsche Zeitung neulich zu der etwas bissigen Frage, ob nach Hitlers Helfern, Hitlers Generälen, Hitlers Frauen und Hitlers Hunden nun vielleicht noch eine Dokumentation über Hitlers Zahnbürsten drohe. Ich muss gestehen, dass ich dem SZ-Autor dankbar bin, dass er nicht von Hitlers Briefmarken gesprochen hat, aber vermutlich wäre dem Autor bei kurzem Nachdenken auch schnell bewusst geworden, dass der Erkenntnisgewinn einer kritischen Betrachtung von NS- Briefmarken und zeitgenössischen Entwürfen ungleich höher ist als der von Führer-Zahnbürsten. Die einfachste Antwort auf die Frage, warum wir nun diese Ausstellung mit Originalentwürfen überhaupt zeigen, wäre die des alpinen Erstbesteigers. Befragt, warum es ihn auf diesen oder jenen Berg zieht, antwortet er auch meist schlicht:„Einfach weil er da ist.“ Wir zeigen diese Auswahl aus unserem historischen Bestand an Grafiken und Entwurfsvorlagen zunächst und vor allem aus dem Grund, weil sie noch nie zuvor zu sehen waren. Dabei wäre schon die Geschichte der Sammlung interessant genug: bis 1944 wurden die Entwürfe für Briefmarken zusammen mit der großen und wertvollen Postwertzeichensammlung des Deutschen Reichs in Berlin gesammelt. In Folge der immer stärker werdenden Bedrohung durch den zunehmenden Bombenkrieg wurde die Sammlung jedoch ausgelagert und in einem Salzbergwerk in Thüringen deponiert. Dort wurden die Bestände bei Kriegsende zunächst von amerikanischen Streitkräften beschlagnahmt und nach Wiesbaden mitgenommen, als die Amerikaner Thüringen vereinbarungsgemäß räumten und es den sowjetischen Streitkräften überließen. Mehr als drei Jahre blieb die Sammlung in der Obhut der Amerikaner, bevor sie 1948 zunächst dem neu gegründeten Land Hessen und kurze Zeit später den Postbehörden der neu gegründeten Bundesrepublik übergeben wurde. Mit der Verlagerung des neuen Postministeriums kurze Zeit später nach Bonn fand so auch die Sammlung von Entwürfen und Postwertzeichen ihre heutige Heimat.

Die Sammlung befand sich also über einen recht langen Zeitraum in der Hand der Amerikaner, und ist in dieser Zeit auch durchaus „gerupft“ worden, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Briefmarkenentwürfe der Nazis sind aber entweder nicht beachtet worden oder sie sind trotz ihrer zum Teil sehr eindeutigen Propagandaabsichten als so harmlos erachtet worden, dass man sie im Sammlungsbestand belassen hat. Vermutlich war es so, dass man erstens ganz andere Probleme hatte, als sich mit einer Reihe von unscheinbaren Grafiken und Entwürfen zu beschäftigen und zweitens in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch ganz andere „Dosen“ an Nazi-Propaganda gewöhnt war, als dass man diesen Entwürfen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Postwertzeichen und die dazugehörenden Entwürfe bei genauem und kritischem Studium eine Menge über Form wie auch Inhalte des Nationalsozialismus verraten. Wir haben die in dieser Ausstellung gezeigten Entwürfe in sechs thematische Gruppen unterteilt und beleuchten sie hinsichtlich ihrer Aussagekraft zu den Themenkomplexen „Menschenbild im Nationalsozialismus“, „Symbole“, „Der Stolz des Regimes“, „Meilensteine“, „Führerkult“ und „Der Krieg“. Neben den gezeigten Entwürfen vermittelt eine Zusammenstellung aller rund 430 in der Zeit von 1933 bis Frühjahr 1945 verausgabten Briefmarken des Deutschen Reichs einen Überblick und regt zum Vergleich an. Es sind nämlich beileibe nicht immer die Originalentwürfe zu den Briefmarken, die den größten Erkenntnisgewinn versprechen. Oft sind es gerade die nicht realisierten, abgelehnten Konkurrenzentwürfe, die am meisten über die Intention der Herausgeber verraten.

Ein Beispiel: im Jahr 1944 gab die Deutsche Reichspost vier Sondermarken zum Thema  „10 Jahre Hilfswerk Mutter und Kind" heraus, die sich thematisch mit den Leistungen befassten, die Staat und Partei für die Deutschen Frauen und Mütter zu erbringen glaubten. Da wurden Mütter in gemütlicher und erholsamer Runde in einem der NS-Müttererholungsheime gezeigt, da wurde die Gesundheitsfürsorge für die Kinder thematisiert und die allumfassende staatliche Fürsorge für Mütter und deren Familien auf diesen vier Marken dargestellt. Nun hat sich jedoch ein Vorlagekarton erhalten, der nicht wie zu vermuten vier, sondern fünf Photoessays zeigt! Auf diesem Karton sind vier der Entwürfe von einem Verantwortlichen im Ministerium des Reichspostministers Wilhelm Ohnesorge gekennzeichnet und daraufhin realisiert worden, eine Marke, die fünfte, jedoch nicht! Diese Marke zeigt im Vordergrund eine Kinderschwester in Schwesterntracht, die sich liebevoll um die Kinder einer Familie kümmert. Im etwas verschatteten Hintergrund jedoch sieht man eine Frau in Arbeitskleidung an einer Werkbank oder Maschine stehen, und man wird wohl nicht falsch liegen, wenn man in dieser arbeitenden Frau die Mutter der im Vordergrund dargestellten und von offizieller Stelle umsorgten Kinder vermutet. Dies war nun eine Szene, die durchaus der Lebenswirklichkeit der Frauen im Dritten Reich entsprach: speziell mit Ausbruch des Krieges war an eine funktionierende (Rüstungs-) Industrie und Wirtschaft ohne die Arbeitskraft der Frauen in nahezu allen Bereichen überhaupt nicht zu denken, auch wenn dies dem erklärten Rollenverständnis der Nazis widersprach. Gleichwohl wurde die Darstellung dieser Realität auf den offiziellen Postwertzeichen offensichtlich nicht gewünscht, die Veröffentlichung der entsprechenden Marke unterbunden.

Noch ein zweites Beispiel sei an dieser Stelle angeführt: Erst relativ spät fand der Krieg ein unmittelbares Echo in den Motiven der Briefmarken. Erst als das Deutsche Reich mit der Wende nach Stalingrad zunehmend in die Defensive geriet und das Kriegsglück den deutschen Aggressor mehr und mehr verließ, wurden die Soldaten und ihr Kampf vermehrt zum Thema von Marken, die ganz offensichtlich Siegeszuversicht und Durchhaltewillen stärken sollten. Die 1943 zum Tag der Wehrmacht und zum Heldengedenktag herausgegebenen Sondermarken zeigen natürlich bestens ausgerüstete und in starkem Vorwärtsdrang befindliche Einheiten aller Truppenteile. Die dargestellten Soldaten befinden sich zwar im Kampf, vom Feind und den Auswirkungen des Krieges auf Land und Leute ist jedoch nichts zu sehen. Auch hier ist ein Blick auf die abgelehnten Konkurrenzentwürfe aufschlussreich, zeigen diese doch durchaus brennende und zerbombte Dörfer, wie sie etwa an der Ostfront zum Alltag gehörten. Die propagandistische Rolle, die die Briefmarken seinerzeit zu spielen vermochten, soll hier nicht übertrieben werden, Postwertzeichen waren natürlich nur ein Mosaikstein neben vielen anderen Propagandamitteln, die vielleicht mehr unmittelbare Wirkung erzielten. Will man den hier gezeigten Entwürfen und Marken jedoch gerecht werden, dann muss man sich andererseits wohl auch in eine Zeit zurückversetzen, die noch nicht dem medialen „Overkill“ ausgesetzt war und in der das Schlagwort von der „Flut der Bilder“ wohl noch keinen rechten Hintergrund hatte. Die Nationalsozialisten haben (wie es auch heute noch nahezu jeder Staat tut) die Briefmarken als Botschafter des eigenen Landes und der eigenen Ideologie nach Innen wie auch nach Außen begriffen, und man darf durchaus vermuten, dass die Wirkung dieser millionenfach verbreiteten, kleinen Bildchen in einer Zeit vor dem Fernsehen und einem massenhaft verbreiteten Fotojournalismus eine andere war als heutzutage. Nicht zuletzt zum Führerkult um Hitler haben die Briefmarken, wie die hier gezeigten Exponate belegen können, durchaus ihren Teil beigetragen. Die Briefmarken des Nationalsozialismus setzen sich im übrigen in ihrer Bedeutung spätesten dann von den eingangs erwähnten „Führerzahnbürsten“ ab, wenn man weiß, dass die zum Teil sehr hohen Zuschlagerlöse der Sondermarken fast ausnahmslos in den seit 1937 bestehenden so genannten „Kulturfonds des Führers“ flössen. Dort unterlagen sie keinerlei haushaltsrechtlicher Kontrolle. Man schätzt, dass bis 1945 auf diesem Wege rund 55 bis 60 Millionen Reichsmark vom Reichspostministerium an Hitler zu dessen persönlicher Verfügung flössen!

 

Dr. Andreas Hahn
überarbeitet  M. M.

 

Bildnachweis
Briefmarkentwürfe: Museumsstiftung Post und Telekommunikation;
Veranstaltungsfotos: W. Maassen

Aktualisiert ( Samstag, 20. September 2008 um 12:39 )
 

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