| Luftpost der DDR: Aus der Not geboren |
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| Samstag, 20. September 2008 um 13:01 |
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Wer heute Luftpostbelege aus der ehemaligen DDR betrachtet, staunt nicht selten über Frankierungen, Adressen und Laufwege. Sammler, die die Spezifik der Aerophilatelie der DDR nicht kennen, zweifeln oft am Sinn solcher Belege und glauben an extravagante Mache und Spielereien. Man muss aber wissen, dass es für die Sammler in diesem Staat nicht leicht war, Erstflüge des Auslandes, und dazu gehörten postalisch auch die Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin, zu beschicken. Das begann schon damit, dass bereits die Informationsbeschaffung über Erstflugtermine kompliziert war. Eine direkte Korrespondenz mit Fluggesellschaften und Sammlerclubs des Auslandes erweckte schon den Unmut der Staatsorgane (wie der Autor in seiner Stasi-Akte bestätigt fand). In den fünfziger und sechziger Jahren informierten sich Sammler untereinander. Die DDR-Presse berichtete gelegentlich über bevorstehende Linieneröffnungen von Fluggesellschaften der „Bruderländer“. Sofern diese Linien aus den Ostblock-Ländern nach westlichen Staaten führten, war das ja auch ein Politikum. Die in den sechziger Jahren entstandenen Luftpostfachgruppen, später die Arbeitskreise Luftpost, und schließlich der Zentrale Arbeitskreis Luftpost richteten Eilmeldedienste ein und gegen Einsendung von adressierten und frankierten Postkarten wurden Neuheitenmeldungen mit dem Prix 1000-Stempel verfahren an teilnehmende Sammler versandt – ein aufwendiges Verfahren, das unserem unvergessenen Heinz Matschko aus Dresden oblag. Die letzte Eilmeldung des ZAKL aus Dresden trug die Nummer 1311. Dass der Besitz eines solchen (primitiven) Vervielfältigers bei den Staatsorganen registriert war, versteht sich von selbst. Im Gegensatz zu heute, wo sich Postverwaltungen in aller Welt zunehmend restriktiv gegenüber den Wünschen der Aerophilatelisten verhalten, war es damals selbstverständlich, dass auf Erstflügen Post befördert wurde und in den meisten Fällen auch postalische Flugbestätigungsstempel zum Einsatz kamen. Das Problem für den DDR-Sammler war aber nun, entsprechende Frankaturen des Ausgangslandes zu erwerben. Der Weg zum Händler war der nahe liegende Weg. Gültigkeitsdauer der Marken und Frankaturhöhe wurden mit „pi mal Daumen“ berechnet (woraus sich manche Unter- oder Überfrankierung ergibt!). Besser war dran, wer Tauschverbindungen zum Ausland hatte. Doch so einfach war das nicht, es gab ja die Tauschvorschriften! Das hieß, der DDR-Sammler hatte eine „Erstsendung“ zum Tauschpartner aufzugeben (über Kontrollstelle mit Auflistung nach Lipsia-Preis) und erhielt dann im Gegenzug die gewünschten Marken. Diese, auf die vorbereiteten Erstflugbelege verklebt, mussten wieder den Weg über die Tauschkontrollstelle gehen, da es sich ja um Ausfuhr von Postwertzeichen handelte. Wenn der Sammler, um kostbare Zeit bis zum Erstflugtermin zu sparen, die Belege direkt an die ausländischen Flugpostämter schickte, riskierte er die Beschlagnahme durch den DDR-Zoll (was dem Autor nicht nur einmal passierte). Erst später konnte der ZAKL erwirken, eine eigene „Auslandstausch- Kontrollstelle“ einzurichten, die rasch arbeitete und wo die Frankaturen der Belege nicht auf das Tausch-Limit angerechnet wurden. DDR-Sammler „entdeckten“ für ihre Zwecke den Internationalen Antwortschein und nutzten diesen für die Frankatur-Beschaffung. Doch nach den Zoll- und Postvorschriften war das eigentlich nicht statthaft. Der devisenträchtige Antwortschein war nach Vorschrift bei der Post einzulösen für den Gegenwert eines Auslandsbriefes - und das waren 35 (DDR-) Pfennige! Auch die Einfuhr von Antwortscheinen über den Tauschweg war im Bereich der Grauzone. Nun konnte man in der DDR aber auch „devisenwirksame“ Frankaturen kaufen, am Postschalter! Das waren die heute leider nicht mehr verausgabten Antwortkarten, die es bekanntlich für Inland und Ausland gab. Da aber das Porto der Ganzsache nur für den Land- bzw. Seeweg galt, hätte das Luftpostporto zugeklebt werden müssen und das bedeutete:... siehe oben! Viele Postverwaltungen waren aber so kulant, die einfache Antwortkarte (15 DDR-Pfennige) für die Flugbeförderung anzuerkennen. Oder sie klebten von sich aus das Luftpostporto dazu. Es gab auch Beispiele, wo zugeklebte DDR- Frankaturen im Ausland anerkannt und gestempelt worden sind. Zu politisch brisanten Zeiten kam es aber auch zu postkriegsartigen Verhaltensweisen, das heißt zur Nicht-Anerkennung der DDR-Antwortkarten. Eine Episode am Rande: Für einen Stempelwunsch sandte der Autor eine Inland-Antwortkarte (10/10 Pf. Ulbricht) an das stempelführende Postamt in Niedersachsen, die Karte kam wunschgemäß zurück, aber der Sonderstempel war neben dem Wertstempel angebracht worden und rückseitig fand sich der handschriftliche Vermerk „Auf den Spitzbart drücken wir keinen Stempel“. Und einen weiteren Weg gingen die DDR-Sammler: Aus den Erfahrungen der Vorkriegszeit wurden so genannte Mitläufer aufgegeben. Das heißt, mit DDR-Marken frankierte Belege wurden in der DDR, z.B. auch bei der Luftpostleitstelle Berlin NW 7, aufgegeben mit einem Leitvermerk „via (Ort), Erstflug (...)“. In den fünfziger Jahren, als die Zahl der Sammler noch gering und die Menge der Sammlerpost klein waren, war diese Luftpostleistelle großzügig und kulant. Es wurde Post zu Lufthansa-Erstflügen zugeleitet, zu Flügen ausländischer Gesellschaften und dies sogar auf Umwegen, so etwa auch für Flüge von Übersee nach der BRD. Später, wohl als die Sammlerwünsche zunahmen, hat 1070 Berlin diese Wünsche nicht mehr akzeptiert und die eingelieferte Post an die Sammler zurück geschickt mit der stereotypen Begründung, dass der gewünschte Leitweg nicht in der Luftpostliste der Deutschen Post der DDR aufgeführt sei (was ja auch bei Linien-Neueröffnungen nicht der Fall sein konnte). Infolge dieses Verhaltens der DDR-Post suchten die findigen Sammler neue Wege - und fanden sie. So gaben sie ihre Mitläuferpost bei Schiffspostämtern auf, die offenbar „internationaler“ dachten und solche Wünsche erfüllten. Und noch ein „Schlupfloch“ gab es, die Bahnposten der Interzonenzüge. So hat der Autor in den sechziger Jahren manchen Erstflug der Lufthansa beschicken können durch Einwurf in den Bahnpostwagen des abfahrbereiten Frankfurter Interzonenzuges in Leipzig. Manche DDR-Mitläufer entstanden aber auch aus anderem Grund: Die niedrigen DDR-Postgebühren und der geringe Wert der DDR-Währung waren für Sammler außerhalb der DDR Anreiz, preisgünstig DDR-Mitläuferpost aufzugeben. Erkenntlich sind diese Stücke neben den Absenderangaben an den meist im Vervielfältigungsverfahren angebrachten Adressen. Das soll beileibe keine Kritik an den damaligen Aufgebern sein, denn auf diese Weise ist die DDR-Luftpost um manch hübsches Stück reicher geworden. So ist die früheste belegbare DDR-Zuleitung zu einem ausländischen Flug die zum Air France-Erstflug Paris – Montreal am 2. Oktober 1950 und man spricht von nur zwanzig Mitläufern. Unter Ausnutzung des Währungsgefälles entstanden auch die ersten Ganzsachen mit Zudruck aus den frühen fünfziger Jahren mit ihren teils sehr geringen Auflagen, die zu den Glanzstücken der frühen DDR-Luftpost gehören. Zum Schluss noch einige Beispiele von Findigkeit der Sammler aus dieser Zeit. Als die KLM am 4. Dezember 1951 eine Linie von Amsterdam nach Tokio eröffnete, hatte die DDR mit Japan noch keine Postverbindung (sie wurde erst 1952 aufgenommen). Ein nach Tokio adressierter Mitläufer wäre nicht akzeptiert worden, so adressierte der Sammler seine Post über Tokio hinaus nach Guam, und der Brief wurde ordnungsgemäß auf dem Erstflug befördert. Da die DDR mit Spanien erst 1956 den Postverkehr aufnahm, konnte der Erstflug der SABENA auf der Strecke Hamburg - Brüssel – Barcelona am 5. November 1954 nicht über die Gesamtstrecke durch Mitläuferpost belegt werden, der Sammler adressierte seine Post nach Brüssel zur Beförderung auf der ersten Teilstrecke. Und als die Lufthansa am 15. Mai 1955 den Linienverkehr nach Madrid eröffnete, adressierten Sammler ihre Mitläufer nach Lissabon. All diese Umstände und Zusammenhänge müssen Sammler kennen, um DDR-Luftpostbelege aus dieser Zeit zu verstehen. Auch Juroren sollten solche Belege richtig einordnen können - Belege, die auf ungewöhnlichen Wegen befördert wurden und nicht immer portogerecht frankiert sind. Das sollte kein Manko sein, im Gegenteil: sie sind wohl höherwertig anzusehen, sind sie doch mit einem wesentlich höheren Aufwand und durch postalische Sachkenntnis zustande gekommen als etwa die sauberen und portogerecht frankierten Abo-Belege.
Horst Teichmann, Ellefeld |
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