Philatelie
Die westdeutschen "Römer" PDF Drucken E-Mail
Samstag, 20. September 2008 um 14:03

Bund Mi.-Nr. X – XIV

Die beiden ersten aufgetauchten und als echt erwiesenen Exemplare der „Audrey-Hepburn“-Sondermarke sind dieser Tage nicht nur bei Philatelisten in aller Munde. Wegen des Einspruchs der Hepburn-Erben hinreichend weit im Vorfeld der geplanten Ausgabe zurückgezogen und durch ein anderes Markenmotiv ersetzt, dürften die beiden bisher bekannt gewordenen gebrauchten Exemplare dieser Marke aus vorhandenen Archivbeständen „abgezweigt“ worden sein. Dies ist nicht der Ort, die Herkunft dieser Marken und ihre eventuell sinistren Umstände zu beurteilen. Das ist bereits an anderer Stelle geschehen und wird uns sicher noch weiterhin beschäftigen. Durch ihre Existenz und ihre beglaubigte Echtheit ist nun jedoch ein philatelistisches Faktum geschaffen, das zugleich und unvermeidlich auch zum Markt-Faktum wird. Und das schon kurzfristig: Eine der beiden Marken soll im kommenden Juni anlässlich der 324. Heinrich Köhler-Auktion in Wiesbaden versteigert werden. Schätzpreis: 20.000 Euro. Bei Bekannt werden des ersten „Hepburn“-Fundes wurden in Pressemitteilungen, teils auch in Fachartikeln, Vergleiche mit früheren Fällen gezogen, die aber zumeist nicht so ganz stichhaltig sind. Eine Parallele beispielsweise mit dem so genannten „Dohnanyi-Essay“ (Bund Mi.-Nr. 2233P) aus dem Jahr 2002 ziehen zu wollen, ist recht weit hergeholt. Denn seinerzeit handelte es sich nicht um Marken, die aus mutmaßlich sicherer Verwahrung eines kleinen dokumentarischen Archivbestandes an die Öffentlichkeit kamen, sondern um ganze Andruckbogen von Marken in bereits abgelehnter Ausführung, die postseitig versehentlich im Umfang von immerhin 320 Kleinbogen (gleich 3.200 Marken) zusammen mit der eigentlichen Druckauflage an die Postschalter ausgeliefert worden waren. Andere Parallelen sind näher liegend, wenn auch, wie wir sehen werden, nicht in allen Fällen stichhaltiger.

Die bundesdeutschen unverausgabten

Legt man die übliche Bezeichnungssystematik der MICHEL-Kataloge zugrunde, dann wird man davon ausgehen dürfen, dass die „Hepburn“-Sondermarke die römische Katalognummer XV erhalten wird. Unter römischen Ziffern ohne weitere Zusätze verzeichnet der MICHEL gemäß Katalogeinführung „aus irgendwelchen Gründen nicht zur Ausgabe gelangte Marken“. Von derlei Unverausgabten kennt die bundesdeutsche Philatelie aus rund 56 Ausgabejahren derzeit genau fünf - nicht sehr viel, wenn man dies mit einigen anderen Sammelgebieten vergleicht, aber doch sicher mehr, als einem Postverantwortlichen lieb sein kann. An das sammelnde Publikum sind diese Marken, die es eigentlich gar nicht (mehr) geben sollte, auf teils unterschiedlichen Wegen gelangt, und gerade diese machen ihre Vergleichbarkeit oder eben Nichtvergleichbarkeit mit der  „Hepburn“-Marke aus.

Die erste Marke, die im MICHEL eine römische Katalognummer erhielt, bescherte uns die Post, als für den November 1961 eine Ausgabe zum Thema „Brot für die Welt“ vorgesehen war. In der Zeit des Wirtschaftswunders, ein Dutzend Jahre nach Kriegsende, war man wieder gewillt und auch in der Lage, Bedürftige in aller Welt mittels Spenden, in diesem Fall der evangelischen Adventssammlung „Brot für die Welt“, vom eigenen, unerwartet schnell wachsenden Wohlstand profitieren zu lassen. Nur war Reinhart Heinsdorffs filigrane Strichzeichnung eines hungernden Kindes, die im Zusammenspiel mit der vorgesehenen kräftigen roten Farbe besonders eindringlich zur Geltung kam, den Kirchenoberen offenbar zu plakativ oder auch zu nahe an der Wirklichkeit. Man wollte die Bevölkerung zwar anrühren und zu Spenden animieren, ihr aber wohl nicht mit einer all zu anstößig realistischen Markengestaltung die vorweihnachtliche Stimmung verderben. Eine zweifellos kurzsichtige Überlegung.

Also wurde auf Einspruch der Kirche die bereits abgenommene und fertig gedruckte Auflage von 20 Millionen Exemplaren wenige Tage vor dem vorgesehenen Ausgabetermin wieder eingestampft. Außer denjenigen Stücken freilich, die zuvor bereits mit Handstempelaufdruck „Muster“ an die Presse verschickt worden waren. Der Rückrufaktion für diese Pressemuster leistete nicht jedermann Folge. Die erhalten gebliebenen Exemplare, sicher mehrere Dutzend Stück, sind heute als Mi.-Nr. X im Katalog verzeichnet und dort mit 12.000 Euro für die postfrische Erhaltung bewertet und bringen auf dem Markt bei fehlerfreier Erhaltung zuverlässig wenigstens 50% dieses Betrages. Auch ein Exemplar ohne Handstempelaufdruck „Muster“ sowie ein gestempeltes Stück sind bekannt. Beider Herkunft ist nicht geklärt. Eine Ersatzausgabe zum Thema „Brot für die Welt“ (Mi.-Nr. 389) kam erst ein Jahr später an die Postschalter. Es ist nichts „Anstößiges“ mehr an ihr, außer ihrer eklatanten Langweiligkeit Der Fall ist mit dem der „Hepburn“-Marke insofern nicht parallel zu setzen, als es sich seinerzeit um Pressemuster handelte, deren Ursprung offensichtlich ist, während wir es diesmal mutmaßlich mit Archivstücken zu tun haben, die auf nicht geklärtem Weg den Ort ihrer Bestimmung verlassen haben.

Exakt das gleiche gilt auch für die zweite  (Mi.-Nr. XI) und die dritte (Mi.-Nr. XII) Unverausgabte der Bundespost. Auch sie sind Vorlagemuster für die Presse, die nach Zurückziehung der ursprünglich vorgesehenen Briefmarken und der Vernichtung der bereits fertig gestellten Druckauflagen in privatem Besitz verblieben und so auf den Markt und in die Sammlungen zahlungswilliger Liebhaber gekommen sind. Bei der ersten dieser beiden Marken handelt es sich um den so genannten „Roten Adenauer“. Zum ersten Todestag Konrad Adenauers 1968 war eine lebhaftrote 30-Pfg.-Marke vorbereitet und auch zum Teil bereits gedruckt und postamtlich als Mustermarke verschickt worden. Umstritten ist, ob nur grafische Gesichtspunkte oder nicht doch eher ein vernehmbarer Einspruch der Familie Adenauer mit entsprechendem Widerhall im Kunstbeirat zur Änderung der Markenfarbe in Lebhaft orange unter Beibehaltung des Motivs (Mi.-Nr. 567) verantwortlich waren. Die bereits hergestellte Teilauflage wurde vernichtet, die „Muster“-Marken blieben in Privathand und erzielen heute bei Auktionen bis zu 2.000 Euro (MICHEL: 5.000 Euro)

Bereits im folgenden Jahr, 1969, ereignete sich der nächste einschlägige Fall: Die für den Oktober bereits zur Ausgabe vorgesehen gewesene Weihnachtsmarke erschien erst am 13. November (Mi.-Nr. 610). Es dauerte nicht lange, bis Unterschiede der Zeichnungsdetails zwischen der Schalterausgabe und den im Vorfeld amtlich versandten „Muster“-Exemplaren auffielen. Insbesondere die auf den „Muster“-Marken noch besonders ausgeprägten Pausbacken Christi in der Krippe waren in der letztlich ausgegebenen Markenversion merklich gestrafft. Das „Pausbäckchen“ (Mi.-Nr. XII) ist heute sicherlich die häufigste der bundesdeutschen Unverausgabten, bringt bei Auktionen aber dennoch immerhin Kurse zwischen 800 und 1.000 Euro bei einer MICHEL-Bewertung von 2.600 Euro.

Auf eine völlig andere, mit der „Hepburn“-Marke aber ebenfalls kaum vergleichbare Geschichte kann die Mi.-Nr. XIII, die legendäre „Gscheidle“-Marke, zurückblicken, die zu mancherlei, auch heute noch nicht ganz ausgestandenen Spekulationen Anlass gegeben hat. Anders als alle anderen bundesdeutschen Unverausgabten, liegt sie fast ausschließlich in gestempelter Erhaltung bzw. auf Briefen und Karten vor - allerdings ist auch (mindestens) ein postfrisches Exemplar bekannt. Umstände und Entstehungsgeschichte der „Gscheidle“-Marke sind schon so oft, auch in der philatelie, nacherzählt worden, dass dies hier nicht nochmals wiederholt werden muss. Unstrittig ist jedenfalls, dass die mehr als zwei Dutzend registrierten Exemplare der 1980 wegen des westlichen Olympia-Boykotts zurückgezogenen Sondermarke zu den Olympischen Spielen von Moskau aus der Schreibtisch-Schublade des damaligen Postministers stammen und von Mitgliedern seiner Familie wohl in Unkenntnis der postalischen Ungültigkeit verwendet worden sind. Gestempelt bewertet der MICHEL diese Mi.-Nr. XIII mit 30.000, auf Beleg mit 50.000 Euro, Beträge, denen tatsächliche Auktionspreise mitunter nahe kommen.

Bis zur nächsten und bisher jüngsten der katalogisierten bundesdeutschen Unverausgabten (Mi.-Nr. XIV) war dann ein volles Jahrzehnt Ruhe. Sie entstand im Sommer 1990, wurde aber erst deutlich später in einem ersten Exemplar aufgefunden und verdankt ihre Existenz dem Umstand, dass ein noch rechtzeitig aufgefallener orthografischer bzw. typographischer Fehler behoben werden sollte. Bei der l00-Pfg.-Sondermarke „40 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ war in der obersten Textzeile das in Großbuchstaben gesetzte Adjektiv „deutschen“ versehentlich mit einem Anfangs-Kapital, also wie ein Substantiv mit einem übergroßen „D“, geschrieben worden. Wie weit der Auflagendruck zum Zeitpunkt der Korrektur auf das korrekte kleinere „D“ bei Mi.-Nr. 1470 bereits gediehen war, wie viele Marken daher hätten vernichtet werden sollen, scheint in der Literatur nicht letztlich geklärt. Jedenfalls tauchten im Nachhinein, wohl ab 1992, mehrere postfrische Exemplare der Marke Mi.-Nr. XIV mit dem Textfehler auf. Anders als die ersten drei Unverausgabten stammen sie nicht aus einem frühen Musterversand an die Presse, sondern vermutlich aus Archivbeständen oder der zur Vernichtung bestimmt gewesenen Menge.

Bisher sind dem Verfasser lediglich maximal acht Exemplare bekannt, eventuell sind es auch nur sieben, weil in einem Fall nicht ganz sicher ist, ob es sich nicht um ein wiederholtes Angebot ein und derselben Marke gehandelt hat. Die Herkunftsgeschichte dieser nicht verausgabten Mi.-Nr. XIV weist von allen bisherigen Bund-Marken mit römischer Katalognummer noch die deutlichsten Ähnlichkeiten zu den jetzt aufgefundenen „Hepburn“-Marken auf. Und bis zum Erscheinen der beiden „Hepburns“ war sie auch die mit Abstand seltenste aller Unverausgabten. Im MICHEL mit 18.000 Euro bewertet, hat sie bei ihren verständlicherweise wenigen Marktauftritten bei Auktionen Kurse um 50 Prozent dieser Notierung erreicht.

Die „Hepburn“-Sondermarke dürfte damit in Kürze zur Mi.-Nr. XV werden, sofern der Schwaneberger Verlag die Aufnahme in den anstehenden neuen Spezialkatalog technisch noch realisieren kann - falls bis dahin nicht auch noch eine gleichfalls vor der Ausgabe zurückgezogene Marke der gleichen Serie aus der archivischen Versenkung auftaucht: ein zunächst vorgesehener Wert mit den Bildnissen der Schauspieler Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart war nämlich ebenfalls bereits hergestellt, als der Rechteinhaber Warner Brothers die Verwendung der betreffenden Bilder untersagte. Dann würde nämlich diese Unverausgabte zur Mi.-Nr. XV werden und die „Hepburn“ zur Nr. XVI.

 

Gerd H. Hövelmann
überarbeitet M. M.

 

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