Philatelie
Rauhe Zähnung: PDF Drucken E-Mail
Samstag, 20. September 2008 um 15:01

Kind des Zufalls mit katalogbekannten Verwandten

Kein Bock auf deutsche Marken vor 1945 ? „Bekomm` ich doch nie Komplett“ - so die Denke. Das ist nachzuvollziehen. Der Nothilfeblock oder die Schwarze Einser kosten so viel wie eine Urlaubsreise. Allerdings kann die Beschäftigung mit Marken bis zum Ende des Deutschen Reichs Sammlungen von ganz eigenem Charme hervorbringen. Neben zahlreichen Abarten findet man dort genauso viele Besonderheiten, die ebenso spektakulär wie preiswert sind. Diese Zufälligkeiten gibt`s mit philatelistischem Spürsinn oft zum Normalpreis.

Ein Beispiel: Die rauhe Zähnung.

Es gibt Sammelgebiete, da ist man ohne Zähnungsschlüssel aufgeschmissen. Wer sich mit der westdeutschen Bautenserie von 1948 bis 1951, amerikanischen Briefmarken zwischen 1900 und 1930 oder Alt-Österreich beschäftigt, kommt nur mit einem Zähnungszähler ans Ziel. Das Deutsche Reich (DR) mit zahlreichen Nebengebieten und einzelstaatlichen Vorläufern lässt bei Marken kaum eine Spezialität aus. Es ist aber, was die katalogisierten Zähnungsunterschiede angeht, irgendwie unterentwickelt. Eines der wenigen Beispiele: Man findet Zähnungsvarianten bei den Mark-Werten der Germania-Zeit nach 1900 („Repräsentative Darstellungen des Deutschen Kaiserreichs“ ; II, III, V). In der Sammlersprache manifestiert sich das mit den Zahlencodes 26:17 und 25:17 für eine unterschiedliche Anzahl waagerechter Zähnungslöcher.

Eine weitere katalogfähige Zähnungsspielart bei deutschen Marken bis 1945 ist aber doch zu vermelden. Es gibt einzelne Postwertzeichen mit „ordentlicher“ Zähnung - und dazu bildgleiche Varianten, die in der Perforation nicht ganz so proper sind, aber dennoch eine MICHEL- Notierung bekommen. Katalogbekannt ist zum einem die sogenannte I. Sarg-Ausgabe des Abstimmungsgebietes Marienwerder von 1920, die in Mailand gedruckt wurde. Bei der Variante dickes Papier gibt`s als Normalfall für alle 14 Werte eine halbwegs passable Linienzähnung der Größe  11 1/2. Es finden sich aber vier Marken (MICHEL 1,2,6, 9; weitere Katalognummern aus MICHEL), die auch „nadelstichartig“ getrennt vorkommen und deren gleich große Linienzähnung nur erahnt werden kann. Ähnlich krasse Perforationsunterschiede findet man auch bei zwei Marken-Ausgaben mit Porträts von Nazi-Chef Hitler. Dabei handelt es sich zunächst um die großformatigeren Reichsmark-Editionen der Freimarken-Ausgabe von 1941 ff. des DR. Dabei erschienen 1942 (799A bis 802A) vier Werte mit der unreinen Perfix-Zähnung (Linienzähnung, WA). Sie wurden 1944 durch bildgleiche Marken (799B-802B) mit perfekter 14r-Kammzähnung ersetzt. Oben wird die Eingangswertstufe zu einer Reichsmark in der A- und B-Variante gestempelt vorgestellt.

Exakt die gleiche Perforations-Korrektur nahm auch der NS-Vasall Generalgouvernement vor. Aus den mangelhaft gezähnten 86A-88A wurden die gleichmäßiger gezähnten 86B-88B. Wer in Doublettenbüchem stöbert, sich auf Tauschtagen umtut oder Rundsendungen auf deutsches Material bis 1945 durchforstet, wird schnell die obige Liste der Paare mit ordentlicher und unordentlicher Zähnung erweitern können. Die Liste ließe sich ohne Probleme vervielfachen. Das wirft die Frage auf, ob hier, was die Katalogisierung der „rauen Zähnung“ angeht, mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Antwort:  Die Gefahr besteht.

Ausgangspunkt für diese Wertung ist, dass die Normalzähnung bei deutschen Marken bis 1945 die Kammzähnung war (Charakteristikum: gleichzeitig horizontale und vertikale Zähnung, dadurch vollständige Eckzähne). Sobald sporadisch die Linienzähnung (Charakteristikum: horizontale und vertikale Zähnung erfolgen nacheinander, dadurch oft unregelmäßige Eckzähne) ins Spiel kommt, ist ein unordentliches (sprich: rauhes) Zähnungsbild oft programmiert. Sachsen`s Wappen-Ausgaben von 1863 sind dafür ein Paradebeispiel. Der aktuelle MICHEL-SPEZIAL für Deutschland resümiert (S. 236): „Die Zähnung der Mi.-Nr. 14-19 ist herstellungsbedingt meist unsauber (rauh, häufig noch Papierreste in Zähnungslöchern). (...)    Die Bewertungen gelten für Stücke mit unsauberer Zähnung (...); klare, saubere Zähnung erfordert Aufschläge!“ Ähnliches verlautet bei den letzten Hamburger Freimarken von 1866/67 (MICHEL-SPEZIAL S. 142) oder den Portomarken der Deutschen Besetzung in Rumänien im Ersten Weltkrieg (MICHEL- SPEZIAL S. 628). Wird eine unsaubere Linienzähnung durch eine saubere Kammzähnung ersetzt (Beispiel zuvor: Hitler-Marken), ist eine getrennte Katalogisierung plausibel. Viel weniger plausibel ist dagegen nach bisherigen Erkenntnissen die Doppelkatalogisierung bei der I. Sarg-Ausgabe von Marienwerder mit dickem Papier (siehe oben). In beiden Fällen handelt es sich um eine Linienzähnung gleicher Größe (11 1/2) . Diese Zähnungsart hat wie beschrieben oft eine Variationsbreite zwischen „sauber“ und „unsauber“- ohne dass dies katalogtechnische Folgen hat. Bei der Sarg-Ausgabe hat es sie, weil dem Papier bei den „rauen“ Marken im MICHEL-SPEZIAL (S. 636) eine andere Farbe zugesprochen wird.

Man wird schnell skeptisch, wenn man versucht xA- und xB-Marken der I. Sarg-Ausgabe an Hand der Papierfarben „bläulich“ und „grauweiß“ zu trennen. Der Autor ist daran bis jetzt gescheitert. Man kann das Ganze auch insofern für eine Wackel-Katalogisierung halten, weil bei „unbeteiligten“ Werten der I. Sarg- Ausgabe der Papierdicke x Marken vorkommen, die in Teilen der Nadelstichzähnung doch sehr nahe kommen. Folglich muss man sich die Frage stellen, ob hier nicht eine für die Linienzähnung geradezu charakteristische Variationsbreite falsch-positiv in einer Doppel-Katalogisierung endete. Wenn das so ist, hätten auch die zahllosen anderen rauen Zähnungen in der Zeit vor 1945 Marke für Marke im Katalog zu landen. Momentan wird dieses Material als Produktions-Zufälligkeit eingestuft. Zumal es sich in der Regel um Kammzähnungs-Marken handelt, die, an sich mit „ordentlicher“ Zähnung versehen, viel weniger anfällig für die rauhe Zähnung sind als die Objekte mit Linienzähnung. Logischer wäre es, die ausgefaltete Katalogisierung der I. Sarg-Ausgabe auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu verschlanken. Wie immer das ausgeht - wer rauhe Zähnung sammelt, wird auch ohne Katalogisierung bei der Kammzähnung von deutschen Marken bis 1945 immer wieder fündig. Das geht weit über die zuvor erwähnten  Objekte hinaus. Interessierte Sammlerinnen und Sammler gehen am besten einfach auf die Pirsch. Sie erhalten mit ein wenig Jagdglück unzählige raue Objekte zur Abrundung ihrer Sammlung. Fast immer zum Katalogwert der Normalmarken.

Jost Küpper

Rauhe Zähnung - wie sie entstellt

Nur ganz vereinzelt findet man in der philatelistischen Literatur Erklärungen, wie rauhe Zähnung entsteht. Im „Lexikon der Philatelie“ von Wolfram Grallert gibt`s dazu das einzige eigene Stichwort         (S. 331). Es wird hier in Auszügen zitiert. Danach ist rauhe .Zähnung eine „Eigentümlichkeit verschiedener gez. Marken, bei denen während des Zahnens die Perforation schlecht durchgestanzt ist (...). Ursache sind vor allem stumpfe Zähnungskämme u./od. hartes steifes Papier (z.B. Dt. Reich 1872 Freimarken der Brustschildzeichnung (...).“ Dass die Zähnung unsauber (= rauh) werden kann, wenn Zähnungskämme stumpf oder das Markenpapier ungewöhnlich dick ist, leuchtet ohne Diskussion ein. Grallerts Beispiel für raue Zähnung, die Brustschildmarken, führt jedoch zu einer wichtigen, anderen Erklärung. Sowohl der aktuelle MICHEL-Spezial (S. 315) als auch der PlattenfehIer-Katalog von Klein, Hesselbarth und Sommer zu Brustschildmarken (S. 26) formulieren:„Die Zähnung von gleichzeitig zwei oder mehreren Bogen hatte die sog, rauhe Zähnung zur Folge.“ Im Bereich Danzig mit seinen zahllosen Objekten mit rauher Zähnung findet man gleichlautende Ansätze. Hatte schon „Neumann`s Handbuch der Danzig Marken“ von 1924 (S. 29) zur Zähnung berichtet, dass „immer 5 Bogen gleichzeitig unter die Maschine gelegt (werden)“, kommt der MICHEL-Spezial so auf den Punkt (S.723): „Durch Einlegen zu vieler Bogen tritt bei fast allen in Danzig gedruckten Marken die sogenannte 'rauhe' Zähnung auf (...).“ Nicht erörtert wird beim Hinweis auf die Mehr-Bogen-Zähnung, ob alle Perforationen rauh waren oder nur die untere(n). Vieles spricht für die zweite Version. Diese Vorgangsweise „produziert“ normal- und rauh-gezähnte Marken in einem Arbeitsgang. So konnten die bei zahlreich vorhandenen zwei Versionen der Zähnung (rau/normal) ohne Mehraufwand entstehen. Würde man davon ausgehen, dass bei der Mehr-Bogen-Zähnung alle Perforationen rauh waren, hätte das eine zusätzliche Produktionslinie (z.B. Einzelbogenzähnung) für die reichlich vorhandenen Normalzähnungen bedeutet. Die Ersparnis durch die Mehr-Bogen-Zähnung wäre so aufgefressen worden. Diese Version ist damit sehr unwahrscheinlich.

JOK

Rauhe Zähnung – was sie kostet

Die raue Zähnung nur in Ausnahmefällen ein kostspieliges Vergnügen. Im Regelfall ist für sie der Normalpreis fällig.

Es gibt allerdings auch bildgleiche Marken, bei denen die rau-gezähnten-Objekte im Preis unter denen mit ordentlicher Zähnung liegen. Am extremsten ist die Preidifferenz bei den großformatigen Reichsmark-Werten der Hitler-Freimarken-Serie von 1942 des DR: Die 802 Ao /Linienzähnung, rauh) notiert im Michel mit 65 Euro;   Das ordentliche Pendant 802 Bo (Kammzähnung) mit 1400 Euro. Beides bezieht sich auf geprüfte Marken. Auch bei Staatswappen-Marken von Sachsen von 1863 mit Linienzähnung gilt dieses Prinzip. Der aktuelle MICHEL-Spezial (S. 236) notiert: „Die Bewertungen gelten für Stücke mit unsauberer Zähnung (….); klare, saubere Zähnung erfordert Aufschläge“. Sonst herrscht weitgehend Preisgleichheit zwischen rauer und normaler Zähnung. Beispiele (Quellen jeweils MICHEL-Spezial): Bei der Bayern Abschiedsausgabe ist die raue Zähnung „ nicht wertmindernd“ (S. 85), bei Bremen steht: „Stücke mit rauer Zähnung sind vollwertig“          (S. 142). Bei Danzig gilt bei rauer Zähnung: „Preise wie bei normaler Zähnung“ (S. 723). Die letzte Variante sind die teuren Objekte mit rauer Zähnung. Hier sind vor allem die Brustschildmarken zu nennen. Einstmals wurde verkündet (MICHEL-Spezial 1967/68): „ Rauhe Zähnung bedingt etwa 100 % Preisaufschlag“. In der aktuellen Ausgabe (S. 315) liest sich das so: „Rauhe Zähnung, max. 30 % Aufschlag, Mindestpreis 20,- “. Auch beim Abstimmungsgebiet Schleswig änderte sich der Preisansatz beträchtlich. MICHEL-Spezial 1999 (S. 537):         „jeweils 10-fache Preise“. In der aktuellen Version (S. 716):  „jeweils doppelte Preise“. Man darf gespannt sein , wie , wo und ob sich das Preis-Karussell weiterdreht.

 

JOK
überarbeitet  M. M.

 

Literatur

Grallert, Wolfgang: Lexikon der Philatelie, Schwalmtal, o. J. (2000)

Klein, Karl-Peter; Hesselbarth, Günther; Sommer, Martin-W.:  Plattenfehler auf Brustschildmarken Deutsches Reich, 1872 - 1874 (MICHEL-Nummern 1-30), München, 2000

Michel Briefmarken Katalog, Deutschland Spezial, München, 1966

Michel Deutschland-Spezial-Katalog 1999, München, 1999       Michel Deutschland-Spezial-Katalog 2004 (Band l: 1849 bis April 1945), München, 2004

Neubrand, Paul: Danziger Briefmarken Katalog 1924 (Von Neumann`s Handbuch der Danziger Marken), 4. Auflage, vollständig neu bearbeitet, Danzig, 1923.

 

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