Philatelie
Sammelgebiet "Bizone" PDF Drucken E-Mail
Samstag, 20. September 2008 um 12:28
Beliebt, spannend und voller Vielfalt!

Offiziell gab es die „Bizone“, korrekt als das „Vereinigte Wirtschaftsgebiet“ bezeichnet, erst ab dem 1. Januar 1947. Doch zählen auch die AM-POST-Marken aus den beiden vorher politisch und wirtschaftlich getrennten anglo-amerikanischen Besatzungszonen nach weitläufiger Ansicht unbedingt zu diesem Sammelgebiet. Gab es doch gerade unter diesen beiden Siegermächten in Fragen der zivilen Verwaltung der von ihnen kontrollierten Gebiete bereits frühzeitig nach Kriegsende viele Gemeinsamkeiten.

Belegt wird diese Feststellung u.a. durch die Tatsache, dass beide Siegermächte die neuen Briefmarken für Deutschland (gedruckt in Washington und London) mitgebracht haben. Das hatten die Sowjets – trotz aller Bemühungen, die zivile Verwaltung in ihrer Zone schnellstens „in den Griff“ zu bekommen - nicht geschafft! (GEB00006) , (GEB00003)

AM-POST-Marken

Die heute so beliebten AM-POST-Marken mit der neutralen Inschrift „Deutschland“ - was auch immer damals darunter zu verstehen gewesen sein mag - erlebten ihre „Weltpremiere“ am 19. März 1945 in Aachen. Also Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Im Raum Aachen hatten bereits im September 1944 amerikanische Truppen die  alte Reichsgrenze  überschritten. Der „Ersttagsstempel“ Aachen vom 19. 3. 1945 ist populär. Ihn gibt es verhältnismäßig häufig auf den unterschiedlichsten Belegen. Wochenlang wurde er mit diesem Datum verwendet.
Von Aachen aus nahm der „Siegeszug“ der AM-POST-Marken seinen Lauf. Das lässt sich philatelistisch hervorragend dokumentieren.  Bekanntlich hatten US-Truppen Teile von Thüringen, Sachsen und Mecklenburg erobert, die sie rechtzeitig vor Beginn der Potsdamer Konferenz (17. Juli 1945) auf Grund des „Londoner Abkommens“ vom September 1944 über die Aufteilung der Besatzungszonen räumen und den Sowjets übergeben mussten. Abstempelungen, z.B. aus dem Südharzgebiet auf AM-POST-Marken während der US-Besatzungszeit, zählen heute zu kleinen Raritäten. Wobei man wissen muss, dass auch nach dem Besatzungswechsel die AM-POST-Marken von der OPD Erfurt einige Monate lang als frankaturgültig anerkannt wurden.

Ende August 1945 war der normale Postverkehr in der amerikanischen und britischen Zone weitestgehend wieder möglich. Zu diesem Zeitpunkt wurden die AM-POST-Marken auch in Deutschland (Westermann in Braunschweig) hergestellt. Alle drei Druckarten (Washington, London und Braunschweig) lassen sich dank deutlicher Unterscheidungsmerkmale leicht identifizieren. (GEB00008) Trotz der erhöhten Markenauflagen und erweiterten Wertstufen traten des öfteren in einzelnen OPD-Bezirken Engpässe bei der Auslieferung von AM-POST-Marken an die Postämter auf. So sind z.B. bekannt und begehrt die Einschreibbriefe aus den Bereichen der früheren Reichspostdirektionen Hamburg und Kiel aus der Zeit von Ende August bis Oktober 1945. Hier war der R-Zettel zugleich Quittung für die Einschreibgebühr von 30 Pf. Auch an vielen anderen Orten musste man sich mit Bar- oder Teil-Barfrankaturen behelfen, heute ein „Eldorado“ für forschende  Philatelisten und Postgeschichtler „vom Feinsten“!

Besonderheiten

Die gängigsten Werte der AM-POST-Marken wurden im August und September 1945 auch an den Postschaltern in den anglo-amerikanischen Sektoren von Groß-Berlin verkauft. Im Jahr darauf konnte man sie an den beiden Versandstellen in Berlin Charlottenburg 2 (brit. Sektor) und Berlin W8 (sowj. Sektor) erwerben. Bis zum Ende ihrer Gültigkeit (31. Oktober 1946) durften die AM-POST-Marken auch im sowjetischen Sektor Berlins verwendet werden. Für den Postgeschichtler erschließen sich weitere wichtige Besonderheiten bei den AM-POST-Frankaturen: Aufnahme der Interzonenpost (24.10.1945), frühe Auslandspost/Kriegsgefangenenpost (ab Spätherbst 1945), Verdoppelung (fast) aller Postgebühren (l. 3. 1946), Wiederaufnahme des Auslandsverkehrs (l. 4.1946), um nur die wichtigsten Daten zu nennen. Prägen Sie sich diese „Eckdaten“ nach Möglichkeit  gut  ein: Es schlummern noch so manche Schnäppchen in den „Grabbelkisten“ auf Messen und Märkten.

Spezialisten können sich auch an den vielfältigen Farbvarianten der AM-POST-Marken erfreuen, z. B. an der 12 Pf- Marke (amerikan. Druck) in dunkellilapurpur, dunkelpurpur, dunkelviolettpurpur und schwärzlichlilapurpur, um nur ein Beispiel herauszugreifen! Oder an einer Vielzahl von Plattenfehlern, hervorgerufen vor allem durch die mangelhaften drucktechnischen Gegebenheiten in der schweren Zeit nach Kriegsende. In den neuesten Schantl-Spezialkatalogen werden fast 1000 Plattenfehler für alle drei Ausgaben der AM-POST-Marken nachgewiesen. Wem auch das noch nicht reicht, findet sein Vergnügen an   Zähnungsunterschieden, Papier- und Gummierungssorten oder an Bogenzähl- und Hausauftragsnummern (HAN). Damit dürfte die Auflistung gewiss noch nicht erschöpft sein. Und für die ganz „dicke“ Brieftasche bietet sich noch ein  graues,  unscheinbares Markenheftchen mit 100 AM-POST-Marken (deutscher Druck) zu 6 Pf an. Die Auflage für dieses Heftchen in zwei verschiedenen Ausführungen beträgt nach Michel-Spezialkatalog nur 1800 Stück. Im Frühjahr 2003 wurde ein solches Heftchen beim Auktionshaus Mirko Franke für über 7000 Euro (einschl. Aufgeld) versteigert! Noch ein letztes Wort zu den Preisen: In den frühen 90er Jahren „boomten“ plötzlich, gewiss spekulativ angeheizt, die Preise für die beiden AM-POST-Marken mit geringer Auflage zu 80 Pf und l RM, sauber gestempelt und auf Bedarfspost. Die Katalogpreise stiegen auf das Zehnfache und mehr! Inzwischen hat sich diese Kostenexplosion - allerdings auf hohem Niveau - wieder etwas beruhigt. Zu achten ist in jedem Fall beim Erwerb dieser teuren Stücke auf eine kompetente und nach Möglichkeit aktuelle Beurteilung durch einen Prüfer im Bund Philatelistischer Prüfer. (GEB00007)

Bildung der „Bizone“

Mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht im Mai 1945, genau genommen mit der „Berliner Deklaration“ der Siegermächte vom 5. Juni 1945, übernahmen die Oberkommandierenden der Alliierten  Streitkräfte die Oberste Gewalt in Deutschland. Sie handelten nach Weisung ihrer Regierungen, ein jeder uneingeschränkt in seiner Zone. Aufgaben und Fragen, die Deutschland als Ganzes betreffen, sollten im „Alliierten Kontrollrat“ mit Sitz in der gemeinsam verwalteten  ehemaligen  Reichshauptstadt Berlin geregelt werden. Doch das blieb weitestgehend Utopie, insbesondere was die lebensnotwendigen wirtschaftlichen Fragen betraf. So beschlossen die Regierungen in Washington und London trotz aller lautstarken Proteste der Sowjets, ihre beiden  Besatzungszonen mit Wirkung zum l. Januar 1947 zur „Bizone“ zusammenzulegen. Fünf „Zweizonenämter“ wurden errichtet, eines davon für das Post- und Fernmeldewesen in Frankfurt am Main. Im Zuge einer Demokratisierung der Bizonen-Verwaltung wurden im Sommer 1947 fünf Hauptverwaltungen geschaffen, alle mit Sitz in oder um Frankfurt am Main. Zum Direktor der Hauptverwaltung „Post- und Fernmeldewesen“ wurde Hans Schuberth (CSU) gewählt, der spätere erste Bundespostminister. Eigene Briefmarken erhielt die Bizonen-Verwaltung bis zur Währungsreform im Juni 1948 nicht. Vielmehr waren alle Kontrollratsmarken (Ziffern, Arbeiterserie und Sondermarken) in dem Gebiet uneingeschränkt gültig. Philatelistisch lässt sich das „Vereinigte Wirtschaftsgebiet“ im wesentlichen nur mit den Behörden-Freistempeln der fünf Hauptverwaltungen sowie mit den-(blauen) Postsparbüchern und -karten aus dieser Zeit belegen.

Kontrollratsmarken

Noch im Jahr 1945 befassten sich die Alliierten Postoffiziere im Kontrollrat mit den Vorbereitungen zu neuen „Übergangsbriefmarken“, die einheitlich in allen vier Besatzungszonen verwendet werden sollten. Das gemeinsame Motiv dieser Marken musste deshalb so „neutral“ wie möglich gestaltet werden: Zahl (= Portowert) auf gemustertem Grund. (GEB00101) Öffentlich angekündigt wurden diese „Einheitsmarken“ Anfang Januar 1946. Die meisten Werte dieser neuen Serie erschienen bereits im darauf folgenden Monat. Doch aus der angedachten „Einheit“ wurde nichts: Die Franzosen scherten aus. Die Marken passten nicht in ihr Konzept für ein, föderalistisches Deutschland. Stattdessen druckten sie eigene Marken für jedes der drei Länder ihrer Besatzungszone. (GEB00150) , (GEB00152) , (GEB00157)

Vielfältige Umstände von damals führten zu einer „Karriere“ der Kontrollratsmarken in der Sammlergunst von heute, die so nicht voraussehbar war. Sichtbares äußeres Zeichen für die intensive Erforschung und eingetretene Spezialisierung ist der Seitenumfang für alle Kontrollratsmarken im Michel-Spezialkatalog:   Er stieg von 8 bei seiner Erstauflage nach dem Krieg vor knapp 40 Jahren auf inzwischen 18 Seiten! Zu diesen Umständen von damals zählen u.a. die schrittweise Erweiterung und Wiederzulassung bestimmter Postdienstleistungen. Das betraf die l. Kontrollratsserie, die „Ziffernserie“, in besonderem Maße. Die Jagd nach Portostufen, Frühdaten und Frühverwendungen (vor Verdoppelung der Postgebühren) begann.
Ernst Müller aus Leer gehörte zu Beginn der 80er Jahre zu den Protagonisten. Er baute eine viel beachtete und hoch dekorierte Spezialsammlung „Frühverwendungen der Ziffernserie“ auf und legte damit den Grundstein für die nach folgenden intensiven Forschungsarbeiten der „ArGe Alliierter Kontrollrat“ auf diesem Gebiet. An die 2000 Belege hat die überaus rührige Arbeitsgruppe „Frühverwendungen“ der ArGe inzwischen registrieren können.

Für viel Aufruhr sorgte im Dezember 1946 das Berliner Zeughaus-Blockpaar (GEB00108). Nur jeweils ein Paar wurde an jeden Besucher der ersten bedeutenden Briefmarken-Ausstellung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg auf eine Eintrittskarte abgegeben. Lange Schlangen von Kaufinteressenten warteten auf Einlass täglich rund um das Ausstellungsgelände, das Zeughaus in Berlin-Mitte. Im Mai 1947 erschien das einzige Markenheftchen mit Kontrollratsmarken. Warum es nur an den Postschaltern in der Sowjetischen Besatzungszone und in Groß-Berlin verkauft worden ist, blieb bis heute ungeklärt. Dr. Kurt Heinle (+ 2000), Chemiker von Beruf, revolutionierte vor Jahren mit seiner wissenschaftlich fundierten Methode („Spektralphotometrie“) die Bestimmung von Farben   auf Briefmarken. Schwerpunkt seiner Tätigkeit waren die Kontrollratsserien. Joachim Bemhöft, Frankfurt a.M., stand ihm zur Seite. Er führt heute sein Werk fort. Für die „Ziffernserie“ liegen die Ergebnisse weitestgehend vor, für die „Arbeiterserie“ bleibt noch viel zu tun. (GEB00102) Mit der „Arbeiterserie“ ist die zweite Dauerserie des Alliierten Kontrollrates angesprochen. Wobei diese nüchterne Bezeichnung die fünf ausgewählten symbolträchtigen Motive der Serie wie „Neuanfang, Wiederaufbau, Wunsch nach Frieden in Freiheit“ nicht richtig trifft. Doch diese Bezeichnung hat sich eben eingebürgert. Über 3000 Grafiker hatten sich an dem vom Kontrollrat öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligt und insgesamt über 6700 Entwürfe eingereicht! Kein Wunder, dass diese neuen Marken erst ein gutes Jahr nach dem Wettbewerbsschluss erschienen sind (l. März 1947)! Auch die hohen Nominalwerte dieser Serie bis zu 5 Reichsmark hatten zu jener Zeit durchaus ihre Berechtigung. Mit Blick auf die zu erwartende Währungsreform wurde damals der Geldverkehr - vor allem bei größeren Summen - in der Regel in bar per Wertbrief abgewickelt.

Vorsicht ist dringend geboten bei den „grünen  Probedrucken“ von einzelnen Wertstufen der „Arbeiterserie“. Sie tauchten erst in den letzten Jahren im Handel auf. Nach Erkenntnissen der „ArGe Kontrollrat“ handelt es sich dabei um „heiße Ware“, von der man die Hände lieber weglassen sollte! Bliebe noch der Hinweis auf die Sondermarken des Kontrollrates. Grafisch gut gelungen - aus der Sicht der damaligen Zeit - auch drucktechnisch in besserer Ausführung (z.B. Leipziger Messe) (GEB00100) waren sie bei Sammlern und Postkunden recht beliebt und daher meist rasch ausverkauft. Im Kontrollrat gab es jedoch gelegentlich Kontroversen bei der Herausgabe der Sondermarken. Ein Grund, warum z.B. die Sondermarken (und die einzige Gedenkpostkarte des Kontrollrates) zum 50. Todestag von Heinrich v. Stephan (f 8. April 1897) erst am 15. Mai 1947 erschienen sind.

 

Reiner Wyszomirski
überarbeitet  M. M.

Aktualisiert ( Samstag, 20. September 2008 um 12:30 )
 

Katalog

Derzeit in Bearbeitung

Neuaufnahme im Shop:

  • Briefmarken Canada

 Überarbeitung im Shop:

  • Bundesrepublik 
  • Berlin
  • DDR
 

Partnerseiten

Briefmarkenfreunde 1924 e.V. MG
PhilaSeiten.de
Philanet
 

Shopstatistik