Post- u. Ansichtskarten
Die Briefmarken-Sprache PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, 20. September 2008 um 17:48

Über 100 Jahre alt - Wer kennt sie heute noch?

( Briefmarkensprache )

Die Marke flüstert, der Brief erzählt. Das wissen die meisten Sammler. Als Visitenkarte des Landes kündet sie von der Geschichte, von Kunst und Kultur, Industrie und Technik, von besonderen Ereignissen und herausragenden Persönlichkeiten. Auf Karten oder Briefen (gemeint sind hier die Umschläge) aufgeklebt, erzählen die Freimarken und sprechen durch die abgeschlagenen Stempel (-abdrucke) zu uns. Einzel-, Mehrfach-, Bunt- und Mischfrankaturen, aber auch unüblich aufgebrachte Markenanordnungen erfreuen den Sammler und bereichern eine Sammlung. Bei der Suche nach schönen und besonderen Frankaturen findet man gelegentlich Belegstücke, die durch die unübliche Markenanordnung und -platzierung ins Auge fallen. Es wäre zu einfach solche - unordentlich aufgebracht erscheinenden - Frankaturen mit dem Zufall zu begründen. Dieser wird ja oft und gerne angerufen, besonders wenn man mangels eigenem ausreichenden Sachwissen keine plausible Erklärung abgeben kann. Unübliche Markenpositionen (auch Plätze genannt) und -Stellungen (Lagen) findet man noch heute auf Karten und Briefen, die bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zurückreichen. Sogar die rechte untere Ecke von Karten und Briefen wurde zur Aufbringung der Frankatur genutzt, obwohl hier die Empfängeradresse platziert werden sollte.

Vereinzelt erinnert man sich noch daran, dass es neben der Blumen-, Fächer-, Farben-, Siegellack- und Taschentuch-Sprache eine weitere echte Geheimsprache gibt: „Die Briefmarken-Sprache“.

Die Briefmarken-Sprache

Was ist die „Briefmarkensprache“, nachfolgend kurz mit „BS“ bezeichnet? Wie funktioniert sie, wer schuf sie wann und wo? Literatur hilft (fast) immer weiter. Zur Ergründung der BS ist jedoch im deutschsprachigen Raum kaum etwas aufzufinden. Lediglich im „Großen Lexikon der Philatelie“ von Alexander Bungerz (1923) auf Seite 97, bei Kurt Karl Doberer in „Schwarze Einser Rote Dreier“ (1967) auf Seite 205, und bei Horst Hille in „Postkarte genügt“ (1988) auf Seite 169, wird die Briefmarken-Sprache erwähnt und deren Anwendung kurz beschrieben. Für einen umfassenden Überblick reichen diese genannten Quellen jedoch nicht aus. Ein Blick in das Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums, GV 1700 bis 1910 und GV 1911 bis 1965, führt zu etwa 30 Titeln von kleinen Heftchen, nennen wir sie nachfolgend „BS-Anwendungs-Büchlein“.

BS-Anwendungs-Büchlein

Über 20 Exemplare wurden in den zurückliegenden über zwei Jahrzehnten aufgefunden und ausgewertet. Die Büchlein – heute kleine Kostbarkeiten - waren so beliebt, dass eines sogar in der 29. Auflage erschien. Das belegt die Beliebtheit der BS. In den frühen Büchlein wurde die Marke „10er Reichsadler“ zur Darstellung verwendet (vergleiche dazu die Collage in der Abbildung ). Da diese Freimarke ab 1889 frankaturgültig war und bis 1902 verklebt werden durfte, kann angenommen werden, dass die ersten BS-Anwendungs-Büchlein schon im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gedruckt worden sind. Noch im Jahre 1929 erschien bei Enßlin & Laiblin, Reutlingen als spätes Büchlein: „Neueste Briefmarken-Sprache für Liebende“ mit einem Anhang: „Die Liebessprache des Taschentuches“. Es bot zusammen 56 Anwendungsmöglichkeiten, sich per BS geheim zu verständigen.

Das Anwendungsschema ist je nach Büchlein und Verlag leicht unterschiedlich. Auf allen sieben Positionen (den Ecken und Seiten der Karte, des Briefes) konnte die Briefmarke in einer der acht Stellungen aufgebracht werden. Jeder möglichen Markenanordnung war in diesem Büchlein ein vierzeiliger Reimspruch zugeordnet (vergleiche bitte die Bildmitte der Collage ). Bei den meisten anderen Büchlein war es eine einzeilige Textzeile zur jeweiligen Marken-Anordnung. Aus den sieben Positionen mit jeweils acht möglichen Stellungen ergaben sich schon sieben mal acht, also 56 Möglichkeiten. Setzte man das Porto für eine Postkarte statt aus einer 5-Pfennig-Marke kombiniert aus einer Wertstufe zu 2 und 3 Pfennig zusammen, so konnte man die Anzahl der Möglichkeiten noch vervielfachen. Für Außenstehende, unbeteiligte oder unbefugte Dritte war die so geheime Nachrichtenübermittlung unauffällig und nicht entschlüsselbar. Absender/in und Empfänger/in mussten natürlich unbedingt das gleiche BS-Anwendungs-Büchlein haben und benutzten, sollte die geheime Verständigung per Briefmarken-Sprache einwandfrei funktionieren. Etliche BS-Büchlein nutzten sogar bis zu zwölf Positionen, wobei die Reihenfolge je nach Buch und Verlag unterschiedlich war . Meist wurden die acht Grundstellungen (a-h) auf den Positionen 1-4, also den vier Ecken, und ebenso 5-8, den vier Seiten, genutzt. Das ergab schon acht mal acht, gleich 64 Möglichkeiten. Einige Büchlein nutzten auch noch die Räume zwischen den Ecken und Seiten, also die Plätze 1-12. Hierbei wurden meist nur einige Markenstellungen (aus i-h) verwendet. Aber man kam leicht auf über 70 Möglichkeiten für die BS-Anwendung. Wenige BS-Büchlein boten zusätzlich die Möglichkeit, durch geheime Zeichen auf der Karte oder dem Brief Verabredungen zu treffen. Früher - war es die oft gelobte gute alte Zeit ? - wurde in großen Städten werktags mehrmals, selbst auch sonntags, die Post zugestellt. Wenn morgens eine -geheim per BS freigemachte - Karte aufgegeben oder in den Briefkasten eingelegt wurde, so kam diese schon mittags oder nachmittags an. Der/die Empfänger/in konnte, ohne dass die sorgsamen Eltern, die gestrenge Herrschaft oder sonst unbefugte dritte Personen etwas bemerkten, noch abends zum Stelldichein eilen.

BS-Darstellungs-Karten

Einhergehend mit dem Siegeszug der Postkarte kamen auch schnell die Ansichts(Post) Karten hinzu. Schon um 1900 herum gab es Ansichtskarten, die statt einer Landschaft, einer Graphik o.ä. bildseitig ganze Briefmarken-Sätze nachgebildet zeigen.
Nach solchen Philatelie-Ansichtskarten entstanden auch die ersten BS-Satz-Darstellungs-Karten, wohl schon zur Germania-Markenzeit Die Anwendung der BS erfolgte auf einfachen Postsendungen, wie z.B. Streifband, Drucksache, Postkarte, Brief (-umschlag). Für die Freimachung und zur postalischen Beförderung wurden die unteren Wertstufen verwendet. Zur Germania-Markenzeit waren 5 Pfennig für eine Karte, 10 Pfennig für einen Brief an Porto zu entrichten. Entsprechend waren auch die Darstellungs-Karten gestaltet. Als das Postkarten-Porto von 5 auf 71/2 Pfennig anstieg, gab es auch entsprechend eine neue Darstellungs-Karte mit dem Ergänzungswert: Germania 2 1/2 Pfennig. Von mehreren Verlagen gab es auch BS-Karten-Serien, meist bestehend aus sechs Darstellungs-Karten. Bei identischer Kartengestaltung und Anordnung der Marken-Nachbildungen wurde jeder Karte nur eine neue/andere Textzeile zugeordnet. Eine Serie aus sechs Karten mit je zwölf Möglichkeiten bot zusammen 72 Anwendungsmöglichkeiten. Damit die BS funktionierte, mussten Absender/in und Empfänger/in beide eine komplette Kartenserie haben. Bei Anwendung der BS musste bekannt sein oder mitgeteilt werden, nach welcher Einzelkarte frankiert worden ist. Gab es Portoanhebungen, so brachten die Verlage auch schnell neue Darstellungs-Karten auf den Markt. Zwar bietet diese BS-Karte 20 Möglichkeiten zur Ver- und Entschlüsselung, eine echte geheime Anwendung der BS ist wegen der mehrfach-gleichen Markenstellung nicht möglich. Es blieb nur die offene Anwendung, man kreuzte die gewünschte Textzeile oder Markenstellung einfach an.

Die offene Anwendung der BS

Es liegen aber vereinzelt auch Darstellungs-Karten vor, bei denen die gleiche Markenstellung (jedoch mit unterschiedlichen Textzeilen) gleich mehrfach auf einer Karte vorkommt (vgl. Abbildung ). Obwohl diese Karte allein 20 Möglichkeiten bietet, war eine echte Anwendung der BS nicht möglich. Wie schon bei den bunten Karten der „Blumen-Sprache“ sollte einfach bildseitig die Marke und/oder die zugehörige Textzeile angekreuzt werden, welche gewünscht war, um den Empfänger zu grüßen oder zu erfreuen. Kamen neue Freimarken zur Ausgabe, brachten auch nachfolgend etliche Verlage ihre neuen Darstellungs-Karten in den Handel.

Die BS-Kartenvielfalt

Immer wenn neue Freimarken-Ausgaben (Dauerserien) an die Schalter kamen, gab es nachfolgend auch neue Darstellungs-Karten und -Serien. Lediglich aus der Zeit der Hochinflation - das Porto stieg damals schneller an, als man neue Marken und Wertstufen drucken konnte - und direkt nach 1945 - AM Post-Markenzeit - liegen keine Darstellungs-Karten vor. Aus der Sowjetisch Besetzten Zone und der späteren DDR sind (bisher) auch keine Darstellungs-Karten aufgefunden worden. Dennoch kommen BS-Frankaturen mit DDR Marken vor. Man benutzte wohl alte Anwendungsbüchlein oder vorhandene Darstellungs-Karten aus der Hindenburg-Markenzeit (stellvertretend für die vielen Karten aus der Zeit von 1934 bis 1945 vgl. Abbildung ).

Wilfried Spanke
überarbeitet M. M.

 

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