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Briefmarken kosten Geld. Seltenere Briefmarken kosten zuweilen sogar ziemlich viel Geld. Philatelisten haben daher aus gutem Grund ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis. Entsprechend scheuen sie unüberschaubare Risiken. Die Fähigkeit zur Risikovermeidung setzt aber schon logisch die Fähigkeit zur Risikoerkennung voraus. Und just an dieser Stelle machen sich zumal unter unerfahreneren Sammlern dann doch mitunter bedenkliche Wissens- oder Erfahrungslücken bemerkbar. Solche folgenreichen Lücken können, grob gesprochen, zweierlei Form annehmen: Einerseits die, dass man sich auf Angebots versprechen blind verlässt, weil man sich eh nicht so recht auskennt und die vermeintlich „unnötigen“ Kosten für gute, spezialisierte Literatur schon immer gescheut hat. Oder aber die, dass man - aus eben denselbe Gründen - verunsichert ist, sich daher beim Erwerb lieber zurückhält und dabei unweigerlich manche Gelegenheit verpasst. Denn auch der eine oder andere Anbieter ist nicht immer so ganz auf der wünschenswerten Höhe philatelistischen Detailwissens und übersieht bisweilen weitentscheidende Facetten der offerierten Ware.

Nun haben wir in der vorangehenden Ausgabe der: philatelie im Rahmen einer Diskussion um die schwierigen „Oppelner Notausgaben“ bereits dafür plädiert, die Vermeidung von Risiken weniger in den Vordergrund zu stellen als die Kenntnisnahme etwaiger Risiken und die Fähigkeit, eigenverantwortlich mit diesen umzugehen. Jedem vorstellbaren Risiko auszuweichen, das zeigt schon die allgemeine Lebenserfahrung, ist letztlich ebenso unbefriedigend wie die Neigung, mögliche Risiken gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Die „Kunst“ liegt vielmehr darin, Risiken kompetent einzuschätzen, sie beherrschbar zu halten und entsprechend zu handeln. Und es ist kein Zufall, dass das Wort „Kunst“ etymologisch mit den Wörtern „können“, „kennen“ und „wissen“ verwandt ist.

Nun ist immer wieder und vielerorts – bei Auktionen, auf Tauschtagen und Briefmarken-börsen, bei eBay etc. - festzustellen, dass gestempelte Marken der Inflationszeit weniger erfahrene und kenntnisreiche Sammler in regelrechte Gewissenskonflikte stürzen. Und zwar mit den eingangs schon beschriebenen Folgen: Blindkauf oder Verzicht. Diese offenkundige Verunsicherung macht sich bereits angesichts der Inflationsausgaben des Deutschen Reiches bemerkbar, um so mehr aber bei denjenigen, die in Danzig verwendet worden sind.


Prüferzeichen: Drei

Auch den weniger kundigen Sammlern ist nun freilich meist nicht verborgen geblieben, dass den Prüfzeichen von Mitgliedern des Bundes Philatelistischer Prüfer e.V. bei der Einschätzung gestempelter Danzig-Marken aus der Inflationszeit ein gewisses Gewicht zukommt - und das betrifft immerhin die meisten Ausgaben dieses Gebietes: die Mi.-Nr. 1-192 (von insgesamt 308 Kataloghauptnummern), die Dienstmarken D1-D40 (von zusammen 51) und die Portomarken P1-P29 (von 47 Werten). Dass sich auf den betreffenden Marken aber mehrere verschiedene Prüfzeichen-Sorten finden lassen, ist manchem Interessenten dann schon wieder des Guten zuviel. Er hat nicht nachgelesen, nicht durchschaut oder wieder vergessen, dass diese verschiedenartigen Prüfzeichen mit System angebracht werden und durchaus unterschiedliches bedeuten. Man kann daher hier drei Sorten von Prüfzeichen unterscheiden: zunächst das aus vielen anderen Sammelgebieten hinlänglich gewohnte einfache Namensprüfzeichen mit Zusatz „BPP“, das den jeweils Signierenden als ein Mitglied des Bundes Philatelistischer Prüfer ausweist und für unsere Zwecke als Prüfzeichen der Sorte I bezeichnet werden soll. Ein solches Prüfzeichen rückseitig auf einem gestempelten Höchstwert eines Bund-Wohlfahrtssatzes (etwa Mi.-Nr. 120) oder auf gestempelten Berliner Schwarz- oder Rotaufdrucken besagt: (l) die Marke ist echt, (2) der Stempel ist echt, (3) der Stempel ist zeitgerecht, d.h. während der Frankaturgültigkeit der Marke, verwendet worden.

Die Annahme, dass dasselbe auch für entsprechende Prüfzeichen dieser Sorte I auf gestempelten Danziger (oder sonstigen) Marken aus der Inflationszeit gelte, ist nach wie vor verbreitet wie irrig. Das einfache BPP-Namenssignum signalisiert bei Danzigs Inflationsmarken nämlich nur: (l) die Marke ist echt, (2) der Stempel ist echt, (3) über die zeitgerechte Verwendung des Stempels kann nichts ausgesagt werden. Wir kommen darauf zurück. Prüfzeichen: der Sorte II haben folgende Form: kleiner runder Kreis mit kreisförmig eingepasster Inschrift „ECHT INFLA BERLIN“. Eine solche Signatur besagt: (l) die Marke ist echt, (2) der Stempel ist echt, (3) es ist bekannt, dass dieser Stempel während des Gültigkeitszeitraums der Marke postalisch in Gebrauch gewesen ist. Bei höherwertigen Marken wird in aller Regel das Namensprüfzeichen mit hinzugesetzt.

Prüfzeichen der Sorte III schließlich sind rechteckig mit abgerundeten Ecken. Sie tragen die vierzeilige Inschrift „ECHT/ im Block / geprüft / Infla Berlin“. Ein solches Prüfzeichen trifft dieselbe Aussage wie Prüfzeichen der Sorte II, versichert aber zusätzlich, dass die betreffende Marke dem Prüfer zum Zeitpunkt der Begutachtung in einer größeren Einheit vorgelegen hat. Auch hier wird bei Marken von höherem Wert allermeist das Namenssignum nebengesetzt.

Es mag philatelistisch ärgerlich sein, ist aber wirtschaftlich häufig sinnvoll, größere Markeneinheiten nach der Prüfung aufzutrennen. Die so entstehenden Einzelmarken tragen dann mitunter nur noch Stempelfragmente, die für sich genommen keine ausreichende Prüfungsgrundlage mehr ergeben. Das viereckige Prüfzeichen bezeugt mithin, dass die Beurteilungskriterien für die Echtheit und zeitgerechte Verwendung des Stempels zum Zeitpunkt der Prüfung hinreichend gewesen sind, auch wenn man dies der betreffenden Marke nach der Auftrennung der Markeneinheit inzwischen nicht mehr unbedingt ansieht.

„Gefälligkeitsabstempelung“ - eine irreführende Bezeichnung

Danziger Inflationsmarken, die ausschließlich Prüfzeichen der Sorte I (das BPP-Namenssignum) tragen, werden in den Katalogen unter dem Zeichen eines schraffierten Kreises rubriziert und bewertet. Dieses Zeichen wird in den Katalog-Legenden mit „Gefälligkeitsabstempelung“ bzw. heutzutage meist mit „Abstempelung zu philatelistischen Zwecken“ übersetzt. Beides ist, genau genommen, zumindest für den hier betrachteten Gegenstandsbereich, eine Fehlbezeichnung. Denn dieses Namenssignum der Sorte I behauptet weniger als hier unterstellt wird.

Wie oben (Sorte I / Punkt 3) angegeben, besagt das BPP-Namenssignum nämlich lediglich: „über die zeitgerechte Verwendung des Stempels kann nichts ausgesagt werden“. Das bedeutet, dass eine bedarfsgemäße Verwendung des betreffenden Stempels auf der in Rede stehenden Marke ungeklärt ist. Die Bezeichnungen „Gefälligkeitsabstempelung“ oder „Abstempelung zu philatelistischen Zwecken“ behaupten hingegen mehr: sie unterstellen, dass eben diese Verwendungsfrage hinlänglich geklärt sei, und behaupten (in diesem Fall irreführend), dass eine bedarfsgemäße Verwendung gerade nicht vorliege. Die Bezeichnung „Gefälligkeitsabstempelung“ unterschätzt mithin den Status der in dieser Weise signierten Marken. Diese unglückliche Sprachverwendung macht folglich aus einer Marke, deren bedarfsgemäße Verwendung mindestens offen ist, eine solche, deren Bedarfsverwendung ausgeschlossen ist.


Eklatante Wertunterschiede

Wie gesehen, machen die Briefmarkenkataloge für gestempelte Danziger Inflationsmarken zwei Bewertungskategorien auf: eine unter dem schon beschriebenen Zeichen des schraffierten Kreises (für Marken mit Prüfzeichen der Sorte I) und eine zweite unter dem herkömmlichen Gestempelt-Symbol mit Punkt im Kreis (für Marken mit Prüfzeichen der Sorten II und III ). Gestempelte, aber gänzlich ungeprüfte Danziger Marken aus den Tagen der Inflation sind immer wie ungebrauchte Marken und damit zumeist ausgesprochen niedrig zu bewerten.

Selbst ein flüchtiger Blick in die Kataloge führt drastisch vor Augen, dass die Bewertungsungsunterschiede zwischen den Marken mit Prüfsignum der Sorte I (Bedarfsverwendung ungeklärt) und jenen mit den Signen der Sorten II und in (zeitgerechte Verwendung des Stempels gesichert, daher unter dem Gestempeltsymbol nachzuschlagen) ganz enorm sind.

Die hier in zwei gestempelten Exemplaren Mi.-Nr. 91 Danzigs bewertet der MICHEL-Spezialkatalog mit Prüfsignum der Sorte I mit 1,30 Euro, jene mit Prüfzeichen der Sorten II und III dagegen mit 140 Euro. Der komplette gestempelte Flugpostmarken-Satz Mi.-Nr. 112-118 wäre ohne eine Prüfung wie ungebraucht (MICHEL: 3,50 Euro) zu bewerten. Für den gleichen Satz mit Signum der Sorte I notiert der MICHEL 13 Euro, für einen nachweislich bedarfsgestempelten Satz (Signen der Sorten II und III ) aber l .200 Euro.

Die Wert-, Bewertungs- und Preisunterschiede sind offensichtlich eklatant und gelten in vergleichbaren Größenordnungen für alle Danziger Marken der Inflationszeit. Wer Danziger Infla- Marken für seine Sammlung erwirbt, der sollte dies wissen. Er muss die betreffenden Marken- und Prüf- Charakteristika und die entsprechenden Risiken kennen und sie bei seinen Dispositionen entsprechend berücksichtigen. Dabei sind alle betreffenden Erhaltungsformen ohne Einschränkung sammelwürdig, solange der Interessent immer weiß, welcher Status den ihn jeweils interessierenden Marken zukommt.

Ganz selbstverständlich mag er dann auch ungeprüfte gestempelte Danzig-Marken sammeln, solange er sie konservativ und wirtschaftlich nahezu risikolos wie ungebrauchte Marken taxiert. Nur wer dies ignoriert, blauäugig die Katalogspalten wechselt und sich an Bewertungen für bedarfsgestempelte Stücke berauscht, beschwört für sich selbst, möglicherweise auch für kenntnisarme andere, Risiken herauf. Wer Marken mit einfachem Prüfer-Namenssignum in seine Sammlung einzureihen gedenkt, der muss sich preislich ebenfalls entsprechend orientieren. Wegen der relativen Seltenheit nachweislich bedarfsgestempelter Stücke liegen die Marktpreise hier in Katalogrelation oft schon vergleichsweise hoch, nicht selten deutlich über 50 Prozent der betreffenden Katalognotierungen. Und nur wer Infla-geprüfte Danziger Marken besitzt und erwerben möchte, sollte sich schließlich an den Katalogpreisspalten für die gestempelte Erhaltung orientieren. Doch auch in diesem Fall gilt: gesuchtere Stücke können, von der Qualität abhängig, auf dem Markt preislich durchaus der vollen MICHEL-Bewertung nahe kommen.

„Auf Nummer Sicher gehen“ bedeutet also auch im Falle gestempelter Danziger Inflationsmarken nicht, Risiken gar nicht erst an sich herankommen zu lassen. Es bedeutet vielmehr, souverän mit Risiken umzugehen, weil man sich mit ihnen beizeiten vertraut gemacht hat.

Gerd H. Hövelmann
überarbeitet M. M.