Der Erste und Beste
Das philatelistische Ereignis des Jahres 1954 in Berlin war die Nationale Postwertzeichen-Ausstellung. Zu diesem Anlass erschien eine Sondermarke, die bis heute zu den Beliebtesten des Gebietes Berlin (West) zählt.Der 4. August 1954 wurde zum Ausgabetag der Berliner Zuschlagsmarke Mi.-Nr. 120 zu 20+10 Pfennig. Die Darstellung des preußischen Postillions um 1827 auf elegantem blau-gestreiftem Untergrund begeisterte die Sammler sofort. Und auch Spekulanten halfen dabei, die Auflage von immerhin 500 000 Stück rasch von den Postschaltern verschwinden zu lassen. ( BER00716 )
Bald erkannte man Merkmale dafür, dass die Marke in zwei unterschiedlichen Auflagen entstand. Heute registriert der Michel-Spezialkatalog als a-Farben die Version mit „Streifen mattlilaultramarin, Kragen und Schärpe orangerot“ zum günstigeren Wertansatz. Höher notiert wird die b-Farbenkombination „Streifen hell(grau) violettblau, Kragen und Schärpe dunkelzinnober“. Nicht einfacher wird die Zuordnung durch den Hinweis in der Fußnote: „Die Farben von Mi.-Nr. 120 sind schwankend, daher lassen sich a und b oftmals nicht eindeutig unterscheiden.“ Wer sich nicht sicher ist, sollte am besten einen Fachhändler mit Erfahrung und Auswahl aufsuchen, der die unterschiedlichen Versionen im Original vorlegen kann. Besser unterscheiden läßt sich ein Merkmal bei Oberrandstücken. Nach Michel sollen sich die zwei Auflagen durch oben durchgezähnten bzw. oben nicht durchgezähnten Rand differenzieren lassen. Die Preisunterschiede zwischen a- und b-Version haben sich im Lauf der Jahre immer mehr verstärkt. Heute werten die b-Farben gestempelt bereits das Doppelte. Und bei den hohen Aufschlägen für gestempelte Exemplare (40 / 80 Euro) gegenüber Falzware (8 / 15 Euro) sollte man sich auch vor Falschstempeln und Nachstempelungen nach Ende der Gültigkeit am 31. Dezember 1955 hüten – wie bei Angeboten „ohne Obligo“, doch das ist für Leser wohl selbstverständlich!
Berlins „Postillion I“ war ein solcher Erfolg, dass in den Jahren 1955 bis 1957 drei weitere Sondermarken mit historischen Darstellungen von Postboten zu den nächsten „Tagen der Briefmarke“ folgten (Mi.-Nr. 131, 158, 176). Mit ihrer geringsten Auflagezahl konnte sich die Erstausgabe Mi.-Nr. 120 im Wert auf mehr als das Hundertfache steigern. Beliebt sind damals wie heute die amtlichen Ersttagsbriefe der Berliner Postverwaltung: verkauft immerhin in 22 400 Exemplaren! ( BER00076 ),( BER00085 ),( BER00288 )
Die einst spekulativ aufgekaufte Bogenware ist mittlerweile breit im Markt verteilt. Hin und wieder findet man noch Offerten für Bogenteile und Komplettbogen bei Auktionen. Die Marke Mi.-Nr. 120 ist damit zwar keine große Seltenheit, aber doch ein ganz besonderes Stück und zur wertvollsten Sondermarke Berlins aus den letzten 50 Jahren geworden.
Michael Burzan
überarbeitet M. M.