Audrey Hepburn lässt grüßen!
Der vor einiger Zeit verstorbene ehemalige Postminister Kurt Gscheidle wird ernsthaften Philatelisten auf immer im Gedächtnis bleiben, hat er sich doch ungewollt durch die 1980 zurückgezogene und dann doch versehentlich von seiner Frau verwendete Olympiamarke eine Art Denkmal in der deutschen Philatelie geschaffen. Wer nun glaubte, dass solche Geschichten einmalig sind, mag sich irren, zumal der Herausgeber deutscher Briefmarken, das Bundesfinanzministerium in Berlin, den Sammler in den letzten Jahren mehrfach überraschende „Innovationen“ der besonderen Art präsentiert hatte. Die philatelie deckte im Herbst 2001 den Skandal um gedruckte und dann doch nicht herausgegebene Werte der damaligen Wohlfahrtsmarken auf, es kam zu einer sachlich wenig gerechtfertigten Gegendarstellung des damaligen Referatsleiters Kurt F. Rekittke, die die weitere Entwicklung kaum zu stoppen vermochte. Wenige Monate später folgte das berühmt gewordene Dohnanyi-Essay, ebenfalls von der philatelie erstmalig den Lesern exklusiv präsentiert. Und nun?Der Fluch der „bösen“ Tat ?
Eigentlich müsste es ja richtiger „der Segen der guten Tat“ lauten, denn im süddeutschen Raum sitzt ein Sammler, der seit Jahren Firmen und Behörden wegen sog. „Firmenpost“ angeht, um die Marken auszuschneiden, diese dann zu tauschen oder für seine eigene Sammlung aufzuheben. Vor einiger Zeit erhielt er von einer Institution in Wolfsburg einmal mehr eines der üblichen Päckchen, in dem sich Briefausrisse mit Marken befanden, die er dann näher unter die Lupe nahm. Der Leser wird es ahnen. Des Sammlers Auge blieb bei einer Marke, die ihm völlig fremd ist, haften: Audrey Hepburn lächelte ihm, mit einer Zigarette im Mund, entgegen! Seine Suche im Katalog ergab wenig. Über einen Händler erhielt er eine MICHEL-Rundschau aus jener Zeit, aber auch die machte ihn kaum klüger. Mitglied im BDPh ist er nicht, sonst hätte er wohl damals die philatelie gelesen und sich schon einen Reim auf die Geschichte machen können. Aber er ließ trotzdem nicht locker und so meldete er sich beim BDPh, genauer gesagt, beim Präsidenten Dieter Hartig. Und da war er natürlich an der absolut richtigen Adresse, denn Hartig konnte ihm nun genau das mitteilen, was die Sache erst so recht spannend macht: wenn diese Marke denn echt wäre, dann wäre es eine Sensation! Vielleicht ein zweiter Fall Gscheidle, denn irgendwoher, von irgendeinem Schreibtisch (?), muss die Marke ja doch wohl stammen.
Festzustehen scheint bisher nur, dass - nachdem die gesamte Auflage vernichtet wurde (worden sein soll) - nur Belegbestände im Bundesfinanzministerium und in der Bundesdruckerei, also keine bei der Deutschen Post AG in Bonn, verblieben sind. Völlig unklar ist dann allerdings, woher die Marke stammt. Leider erhielt der Sammler von seiner „Quelle“ in Wolfsburg immer nur Briefausrisse, auf denen also ein Absender aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mehr zu lesen war. Das Stempelbild lässt sich als Briefzentrum 12 identifizieren, das Datum lautet auf den 14. Oktober 2003. Zwei Jahre nach geplanter, aber dann nicht zustande gekommener Ausgabe. Schon an dieser Stelle ist eine erste Spekulation möglich. Das Briefzentrum 12 liegt in Berlin-Schönefeld! Der Absender hat also offenbar seinen Sitz in Ostberlin, dort, wo z.B. auch das Ministerium der Finanzen ansässig ist. Derzeit liegt die Marke dem Verbandsprüfer Hans-Dieter Schlegel in Berlin vor und bei Redaktionsschluss war noch nicht bekannt, ob die Echtheit eindeutig zu bestätigen ist. Für die Echtheit mag die offenbar völlig, normale Bedarfsverwendung sprechen, denn die Briefmarke befand sich auf einem Brief, der an eine öffentliche Institution gerichtet wurde.
Sollte die Marke echt sein (philatelie wird darüber in der nächsten Ausgabe berichten), dann stehen einige Fragen im Raume, die derzeit noch nicht endgültig zu beantworten sind: Wenn der unbekannte Absender solch eine nicht herausgegebene Marke verwendet hat, dann muss er vermutlich auch Zugriff auf weitere Marken, zumindest auf einen Zehnerbogen, gehabt haben. Und diese Marken dann vielleicht auch schon mit seiner Bedarfspost verwendet haben oder gar noch weiterhin verwenden. Und warum dann nur die Audrey Hepburn-Marke? Warum nicht vielleicht auch die zweite nicht erschienene Marke- mit Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart? Der Phantasie sind nun Tür und Tor geöffnet! Vielleicht hat dann doch BDPh-Vorstand Reiner Wyszomirski recht, der im Herbst 2001 schon mutmaßte, „dass es nun doch Andrucke oder Probedruckvorlagen ... für hochgestellte Persönlichkeiten gegeben haben mag“ (philatelie 295, 38).
Dem Sammler wird`s recht sein und den Anbietern von Kiloware stehen vielleicht wieder arbeits- und umsatzreiche Monate ins Haus. Die Jagd auf Audrey Hepburn & Company ist eröffnet. So mögen sich Rekittkes „Fehltritte“ dann letztlich doch statt zum „Fluch der bösen Tat“ künftig zum „Segen der guten Tat“ für so manchen Sammler entwickeln. Für einen, diesen Glückpilz in Bayern, hat sich seine Sammelleidenschaft wohl schon jetzt ausgezahlt.
Wolfgang Maassen
überarbeitet M. M.