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Bayern – Pfennigzeit

Die Marken der bayerischen Pfennigzeit sind ein Schulbeispiel für das Spannungsverhältnis zwischen Sammler und Katalog. Wie bei kaum einem anderen altdeutschen Sammelgebiet, lebt hier jede Katalogisierung von Kompromissen, wie sie bereits das Kohl-Handbuch eingeschlagen hat.

Da die Autoren und Bearbeiter der Kataloge ihre Entscheidungen im Allgemeinen nicht kommentieren, können Sammler die angedeuteten Probleme nicht ohne weiteres erkennen. Gewohnt, die Katalogangaben als „ultima ratio“ anzusehen, sind sie erst einmal mit deren Umsetzung genug beschäftigt und können sie nicht sogleich hinterfragen. Nachdem aber Sammeln allemal mehr ist, als das Abstreichen von Katalog-Nummern, bietet die bayerische Pfennigzeit enorme Chancen, vieles auch einmal anders zu betrachten. Natürlich nur für denjenigen Philatelisten, der diese Freiheit erträgt und damit umgehen möchte.

Besonders deutlich wird der Kompromiss-Charakter bei den Wappenausgaben. Das von 1876 -1912 gleich bleibende Motiv bringt es im Katalog immerhin auf 38 Hauptnummern, deren wesentliches Unterscheidungsmerkmal, neben Farbänderungen, bei den Wasserzeichen liegt. Dass diese Einteilung nicht den Kriterien der damaligen Postverwaltung entspricht, sieht man an zahlreichen   Überschneidungen und Kontinuitäten über die Katalognummern hinweg. Die bayerische Postverwaltung scheute sich auch nicht, Farben- und Papiervorräte der Kreuzerserien aufzubrauchen, z.B. die Farben der Erstauflagen von 1876 (Mi.-Nr. 37a, 39a, 40a). Bei diesen Erstauflagen haben wir auch meist das ursprüngliche Markenbild vorliegen, das sehr schnell unter Abnutzungen litt, was bei dem Reliefdruck nicht verwundert. Selbstverständlich stellt sich sogleich die Frage, ob es denn von den Werten zu 5, 25 und 50 Pf. keine Erstauflagen gibt - und sogleich stoßen wir auf Auswirkungen der Kompromisse. Bei den Werten zu 25 und 50 Pf. wurde eine erheblich geringere Zahl gedruckt, so dass wir weniger Verschleiß des Druckbildes kennen. Aber die 5 Pf. gehörte zu den Massenauflagen, wie verhält es sich damit? Hier erwartet den Sammler noch ein interessantes Betätigungsfeld, denn es fehlen bisher dazu stichhaltige Arbeiten. Ähnliches gilt übrigens für Erstauflagen der Portomarken.

Die Wahl der Farben bei den 5 Pf.- und 50 Pf.- Marken (Mi.-Nr. 38 und 42) kann man übrigens getrost als ungeschickt bezeichnen. Die   hellgrüne Druckfarbe der 3 Pf. entwickelte sich in die Richtung der 5 Pf. grün, und die rote Farbe der 10 Pf. war bei diffusem Licht durchaus mit der 50 Pf. zu verwechseln. Wir kennen daher auch einige Briefe, deren ungewöhnliche Frankatur durch eine solche Verwechslung erklärt werden kann. Dass solche Briefe angesichts der Situation in Bayern zu Schlüsselbelegen werden, die in keinem Katalog stehen, braucht wohl nicht besonders betont werden. Das Problem muss jedenfalls einigermaßen auffällig geworden sein, sonst wäre die Farbänderung in violett bzw. dunkelbraun (Mi.-Nr. 45,46) nicht so schnell erfolgt.

Aber auch in dieser Beziehung sind noch keine intensiven Forschungen angestrengt worden, ob für diese Marken neue Klischees angefertigt wurden, oder ob die alten weiter Verwendung fanden. Die Fakten über die Anfertigung neuer Druck-Klischees sind insgesamt noch nicht konsequent aufgedeckt worden. So können wir erst bei den Marken der 3 Pf. braun und 5 Pf. grün mit senkrechtem Wasserzeichen ganz sicher sein, dass neue Klischees eingesetzt wurden, weil nämlich im ersten Jahr ihrer Verwendung ganz ungewöhnlich gute Druckergebnisse erzielt werden konnten. Auch hier wird wenigstens die 3 Pf. als Erstauflage katalogisiert, hingegen die 5 Pf. Marke verschwiegen.

Diese Bemerkung gilt in besonderem Maße für die bei einigen Werten beobachtete Verbindung der Krone mit dem Buchstaben „E“ in „Bayern“. Grundsätzlich möchte ich davor warnen, allzu viel auf die Plattenfehler der Wappenserie zu geben. Das Druckverfahren provozierte eine Unmenge kleiner und kleinster Abweichungen (= Druckzufälligkeiten!), die man als unbedeutend bezeichnen kann. Bedauerlich ist, dass in der großen Zahl der katalogisierten Plattenfehler die altbekannten markanten Fehler etwas untergehen und an Bedeutung verloren haben. Forschungen auf dem Gebiet der ersten Pfennig-Ausgaben sind aber durchaus schwierig zu bewerkstelligen. Diese Marken wurden damals so intensiv verwendet, dass nur wenige ungebrauchte Stücke überliefert sind und größere Einheiten, abgesehen von den bekannten Restbeständen der 5 Pf. grün und 50 Pf. rot (Mi.-Nr. 38a und 42), sehr selten sind. Dazu kommt, dass die ersten Auflagen ohne Bogenrandziffern gedruckt wurden und bis 1880 die verwendeten Stempel keine Jahreszahlen tragen. Es kann also an eine systematische Arbeit mit eindeutig datierbaren Stücken nicht gedacht werden. Das Briefmaterial ist viel zu dünn gesät, als dass man auf diesem Wege zum Ziel käme, denn die ersten Sammlergenerationen haben die erreichbaren Briefe gnadenlos zerschnitten!

Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass wir heute von den Wertstufen zu 25 und 50 Pf. (beider Farben) nur wenige Briefe kennen, hingegen über eine Unmenge an losen Marken verfügen. Und Briefe mit hohen Frankaturen sind äußerst  selten, und das schließt sogar die Jahre um 1890 ein. Als besonders spröde Marke stellt sich immer wieder die Wertstufe zu l Mark heraus. Sie reicht bereits in die Kreuzerzeit hinein (Mi.-Nr. 30 und 31) und setzt sich bis 1912 fort. Von der Mi.-Nr. 53 sind vier Unterschiede katalogisiert: x a/b und      y a/b. Es ist nun kein großes Geheimnis, dass die Farbe der 53 x b zeitlich früher liegt als die a-Farbe. Sie hat nahezu denselben Farbton wie ihre Vorgängermarke (Mi.-Nr. 43), lässt sich dadurch also relativ leicht erkennen. Ob sie hingegen von denselben Druck-Klischees stammt, ist allerdings fraglich, da auch früh verwendete Marken bereits erhebliche Druckmängel aufweisen. Es bietet sich also durchaus an, diese l Mark einer genauen Untersuchung auf ihre Klischee-Geschichte zu unterziehen. Wie so oft, landen aber sowohl diese Kriterien, wie auch alle anderen Farbvarianten, in einem großen Topf, hier der x a. Wer sich die Mühe macht, genauer hinzusehen, wird eine breite Farbpalette finden, mit eigentümlichen Druckmerkmalen. Aber meines Wissens sind bisher noch keine Ausstellungssammlungen dieser Marken gezeigt worden, die eine eindrucksvolle Farbpalette geboten hätten.

Mit der l Mark stoßen wir auch auf ein anderes Problem, das im Katalog als Kompromiss gehandelt wird, nämlich die Unterscheidung zwischen rötlichem (x) und weißem (y) Papier. Wer von sich behauptet, er könne diese beiden Sorten in jedem Fall sicher auseinander halten, muss mit viel Hybris gesegnet sein. Es dürfte nämlich schon deshalb nicht funktionieren, weil die rötliche Papierfärbung bei einigen Wertstufen erst ab etwa 1895 vorkommt,   während die früheren Auflagen auf deutlich weißem Papier gedruckt sind. Bei gestempelten Marken mag das Stempeldatum noch wichtige Hinweise liefern, hingegen bei ungebrauchten Marken der frühen Auflagen wird die Sache schwierig. Hier rächt sich eben der Kompromiss, die Wappenmarken nach Wasserzeichen zu ordnen. Genau genommen, müssten die frühen Auflagen des senkrechten Wasserzeichens (Ausgabe 1890) extra katalogisiert werden, dann folgen die rötlichen Papiere und schließlich die Auflagen ab 1900 auf weißem Papier, das aber seinerseits Schwankungen unterworfen ist, wie uns die 3 und 5 Mark (Mi.-Nr. 69 + 70) lehren. Leider verfügen wir aber auch aus dieser Zeit der 90-er Jahre nur über beschränkte Bogenbestände. Manche Auflagen sind kaum eindeutig zu identifizieren, weil nur wenige Bogenrandstücke vorliegen. Für die Zukunft scheint es daher angemessen, das Kompromissgeflecht der Katalogisierung aufzutrennen und die Marken wieder unvoreingenommen zu betrachten, um neue Überlegungen und Ziele zu ergründen. Vielleicht ergibt sich bei einer solchen Gelegenheit auch ein anderes Verständnis von Markenqualität. Es ist nämlich durchaus angebracht, solche Marken, deren Prägung völlig „geplättet“ ist, als minderwertig anzusehen, während eine deutliche Prägung erheblich attraktiver und schöner ist. Eine vollständige und gleichmäßige Zähnung mag zwar optisch schön sein, aber bei vielen Marken der Wappenserien suchen wir danach vergebens. Wir sollten dabei nicht an die so genannte „enge“ Zähnung von 1888 zu denken, die nach solchen Kriterien überhaupt nicht gemessen werden kann. Denn schon die erste Pfennigausgabe zeigt starke Unregelmäßigkeiten in der Zähnung, was durch unterschiedliche Papierstärken und abgenutztes Werkzeug bedingt ist.

 

Dr. Joachim Helbig
überarbeitet M. M.