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DO-X in Turbulenzen

Im Markenbild des Postwertzeichens zum „Tag der Briefmarke 2004“ hat der Fehlerteufel gewütet – heraus kam eine historisch falsche Sondermarke. Jörg-M. Hormann, Autor des von der Deutschen Post Philatelie aufgelegten Buches „Do X - Ein Schiff fliegt in die Welt“, klärt auf - und hat sich für auf Spurensuche begeben. „Schreiben Sie uns ein Buch über die DO-X? Es soll zur Herausgabe des DO-X-Sonderpostwertzeichens am „Tag der Briefmarke“ Anfang Oktober 2004 erscheinen!“ Eine solche Anfrage der Deutschen Post AG hätte jeden Fachbuchautoren gefreut. Also auch mich - und nach erster Recherche wurde das Thema richtig spannend. Offensichtlich gab es über diesen legendären Teil deutscher Luftfahrtgeschichte wenig aktuell Geschriebenes; völlig im Gegensatz zu zeitgenössischen Berichten, Reportagen und Büchern aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals redete und schrieb die ganze Welt über das Dornier-Flugschiff, das „Deutsche    Wunderschiff“, oder die „MAURETANIA der Lüfte“. Der erste „Jumbo“ der Verkehrsluftfahrt, ein Fluggerät, das alle Vorstellungen und technischen Dimensionen der Zeit sprengte, startete zum ersten Mal am 12. Juli 1929 vom Bodensee aus in ein kurzes, abenteuerliches Flugzeugleben hinein. Viele Informationen hierzu, besonders zur Geschichte der DO-X-Post, schlummerten jahrzehntelang in den Archiven.

Als mir ein in die Jahre gekommener Bekannter weismachen wollte, er hätte die DO-X selbst als Junge auf der Weser gesehen, war meine indiskrete Frage nach seinem Geburtsjahr für ihn insofern ernüchternd, da die DO-X ab 1936 nur noch im Museum der Deutschen Luftfahrtsammlung am Lehrter Bahnhof in Berlin bestaunt werden konnte. Im Sommer und Herbst 1932 sahen dagegen Millionen Menschen in Deutschland das Flugschiff am Himmel und besichtigten es an 24 Stationen. Auch in Bremen, wo Finanzsenator Ulrich Nußbaum anlässlich eines Pressetermins von der DO „Zehn“ redete - ein Indiz für das allgemeine Informationsmanko über das Flugschiff, und besonders über den geheimnisvollen Namen. Klärungsbedarf in mehrfacher Hinsicht offenbarte sich endgültig, als ich das geplante DO-X-Sonderpostwertzeichen erstmals per E-Mail zu Gesicht bekam. Es überraschte mich mit der Textzeile „Tag der  Briefmarke  Flugboot Do X Deutschland“. Fakt ist: Die Bezeichnung „Flugboot Do X“ stimmt vorne und hinten nicht! Das vermeintliche Flugboot auf der Briefmarke war immer ,,zur Entstehungszeit und auch später, ein Flugschiff - und die Typenbezeichnung schrieb sich DO-X.

Auf zeitgenössischen Fotos sehen wir an den Seiten des Schiffsrumpfes anfangs keinerlei Beschriftung, und dann am Bug den Schriftzug: „DORNIER“ (oder 1933 über wenige Monate „LUFTHANSA“). Unterhalb der Fenster des Kommandodecks las man die aufgemalte Typenbezeichnung „DO-X“ (ab 5. November 1930) und am Heck, ab Oktober 1930, das offizielle Kennzeichen „D-1929“. Traditionell hatten die Flugzeugentwürfe bei Claude Dornier (1884 - 1969) eine Projektnummer, bevor sie einen Namen bekamen. LIBELLE, WAL und SUPERWAL gehörten zu den berühmten „Dornier-Produkten“ in der Entwicklungsreihe vom Flugboot zum Flugschiff. Ab 1924 realisierte Dornier endlich seinen Traum vom Flugschiff. Für ihn war das viele Jahre die Größe X. Die mathematische Unbekannte wurde zum Namen: Dornier DO-X. Anfangs eine Verlegenheitsbenennung, wurde das Synonym für den damaligen Luftfahrtgiganten zur Legende. Mit „Dornier Metall-Flugschiff Type DO X“ titelte die Projektzeichnung 51335 für die Baufreigabe vom Juni 1926. Ab dem Zeitpunkt war die DO-X ein Flugschiff. Übrigens: Der Unterschied zwischen Boot und Schiff ist schnell erklärt. Ein Boot ist offen oder geschlossen, mit genau einem Deck. Beim Schiff umhüllt die Außenhaut mehrere  Decks übereinander. Dorniers LIBELLE, WAL und SUPERWAL mit Bootskörpern und je einem geschlossenen Deck waren also Flugboote. Die DO-X mit Betriebs-, Passagier- und Kommandodeck war und ist nach maritimer Definition ein Flugschiff.

Flugschiffe für den Luftverkehr der Zukunft gab es erstmals in den Visionen des Grafen Ferdinand von Zeppelin (1838 - 1917). Dem Erfinder des starren Luftschiffes wurden im Ersten Weltkrieg sehr schnell die Grenzen seiner „Zeppeline“ deutlich, und er wandte sich dem Großflugzeugbau zu. Die Überwindung des Atlantiks mit einem Landflugzeug und „nur“ mit Räderfahrwerk erschien ihm unmöglich. Für alle Fälle musste auf dem Wasser gelandet werden können. Es fiel der Begriff „Flugschiff“. Der junge Ingenieur Claude Dornier erhielt den Auftrag, sich darum zu kümmern. Aber wie kommt nun die falsche Benennung auf das aktuelle    Sonderpostwertzeichen? Im Amtsblatt des Reichspostministeriums  Nr. 92 vom 21. Oktober 1930 ist allein vom „Dornier-Flugschiff“ die Rede, weiterhin von der „Posthilfsstelle Flugschiff DO X“, vom offiziellen Bordstempel „Dornier Flugschiff DO X, D-1929“ mit Datumszeile - und schließlich auch vom Flugbestätigungsstempel „Erster Überseeflug des Dornier- Flugschiffs DO X Europa- Amerika“.  Der Terminus „Flugboot“ im Zusammenhang mit der  DO-X kam im postalischen Zusammenhang zeitgenössisch nicht vor. Beim Forschen zur Entstehungsgeschichte der Falschbenennung setzt man am besten da an, wo der erste Schritt zum Werden einer neuen Sonderbriefmarke beginnt: beim Vorschlag des Motivs. Wer hat das Flugschiff DO-X als Briefmarkenmotiv dem Programmbeirat des Bundesfinanzministers vorgeschlagen? Nahe liegende Vermutung: Bei einem Motiv für ein Postwertzeichen zum „Tag der Briefmarke“ wird der Vorschlag aus den Reihen der Philatelisten gekommen sein. Ein Aerophilatelist war es sicherlich nicht, denn der hätte auf seinen Belegen nichts anderes als „Flugschiff“ lesen können. Vor weiteren Vermutungsklimmzügen fragte ich in Bonn beim Bund Deutscher Philatelisten (BDPh) nach. Antwort von dort: „Wieso? Flugboot oder Flugschiff, das ist doch völlig egal. Ist mir außerdem noch gar nicht aufgefallen, und beim Festakt in Oberschleißheim hat sich kein Mensch daran gestoßen. Das ist doch kein Thema für nur eine Minute weiterer Zeit. Wir sind froh, dass wir den „Tag der Briefmarke“ wiederbekommen haben. Freuen Sie sich doch über die schöne DO-X-Marke aus der Serie Post!“

Serie Post? Damit war der Programmbeirat des Bundesfinanz-ministeriums außen vor. Dort findet das schwierige Prozedere statt, aus vielen hundert Themenvorschlägen für neue Briefmarken pro Jahr rund 50 Themen auszuwählen. Unsere DO-X-Marke gehört zum Kontingent jener Marken, die in den Auswahl- und Entscheidungs-bereich der Deutschen Post fallen. Das heißt nicht, dass der Bundesfinanzminister (als Herausgeber aller Briefmarken) gar nicht mitwirkte. Sein Kunstbeirat beurteilte die eingereichten sechs Motivvorschläge der DO-X-Sondermarke und entschied sich für den Entwurf von Stefan Klein und Olaf Neumann aus Iserlohn. Bemerkenswert an den DO-X-Entwürfen ihrer Mitbewerber, die in der „postfrisch“ Nr. 5/2004 auf Seite 20 abgedruckt wurden, ist die Typenbezeichnung. Auf drei Entwürfen ist DO-X am Flugschiff deutlich zu lesen, bei zweien findet sich die Bezeichnung in Versalien („DO X“) im Text auf der Briefmarke wieder. Klein und Neumann verwendeten für ihren Entwurf ein zeitgenössisches Foto aus dem Firmenarchiv der Dornier GmbH, Friedrichshafen. Es zeigt das Flugschiff nach dem Start in geringer Höhe über dem Bodensee, bei einem Erprobungsflug Ende Oktober 1930. Die Typenbezeichnung wurde erst kurz vor Beginn des Überführungsfluges in die USA Anfang November aufgemalt - und fehlt noch auf dem Foto. Und wenn wir schon bei den Kleinigkeiten sind: Bezogen auf den zu würdigenden Anlass „75 Jahre Erstflug des Dornier Flugschiffes DO-X am 12. Juli 1929“ zeigen die Entwürfe und die 17 Millionen Mal gedruckte Marke das falsche Flugschiff! Ihren Erstflug absolvierte die DO-X l a mit zwölf luftgekühlten Siemens-Jupiter-Sternmotoren. Nur der abgelehnte Entwurf von Ingo Wulff aus Kiel zeigt die passende Startsituation mit dem richtigen Flugschiff vom Juli 1929.  Die flüssigkeitsgekühlten Curtiss-Conqueror Reihenmotoren, mit denen die DO-X über die anderen Sondermarken dröhnt, bekam sie erst im Sommer 1930. Sie wurde damit zur DO-X l b. Vielleicht ist das alles zu pingelig. Trotzdem bleibt die Frage nach dem Ursprung der ärgerlichen Falschbezeichnung „Flugboot“, welche die Künstler als Textvorgabe erhielten. Das Bundesfinanzministerium kommentierte den Fehlerhinweis von Camilo Dornier, einem Enkel des genialen Erfinders, im Juli 2004 so: „Der Markenentwurf (...) wurde vor Druckbeginn eingehend sachlich und fachlich durch die Dornier GmbH, Friedrichshafen geprüft und schriftlich bestätigt, dass alles auf dem Markenentwurf korrekt sei.“ Kennen sich also die Dornier-Leute mit ihrer eigenen Geschichte nicht aus? Wurde im Referat Postwertzeichen des Ministeriums doch mangelhaft recherchiert? Oder war es einfach die Motivempfehlung, die unwissentlich schon mit dem Terminus „Flugboot“ daherkam? Mit ein wenig gutem Willen und gezieltem Klicken im Internet hätte jeder beteiligte Part an einer historisch korrekten Briefmarke mitarbeiten können.

Stattdessen hat jetzt ein anderer Eiertanz begonnen. Bei den Textverfassern für die DO-X-Marke hat sich herumgesprochen, dass die Bezeichnung „Flugboot“ nicht korrekt ist. Seit dem Ausgabetag wird nun versucht, den Inhalt der Marke phantasievoll zu umschreiben. Da ist vom „Flugschiffpionier C. Dornier“ oder vom „Großraumflugzeug mit dem offiziellen Namen: Verkehrsflugboot  Do X“ die Rede. Ein wahrer „Überflieger“ ist auch der Pressetext Nr. 121/2004 des Bundesministeriums der Finanzen vom 30. September: „Vor 75 Jahren startete das zu seiner Zeit größte Flugzeug der Welt zu seinen ersten Flügen vor Altenrhein am Bodensee: das Großflugschiff Do X.“. Flugschiff hätte gereicht – und zwar auf der Briefmarke.

 

Jörg-M. Hormann
überarbeitet  M. M.