In der privaten Alltagspraxis wie auch im gewohnten Wirtschaftsleben ist dies gang und gäbe: Wer eine Ware - gleich, welcher Art — in größeren Stückzahlen erwirbt, der darf auf Preisnachlässe hoffen. Und je größer die Abnahmemenge ist, um so stattlicher pflegt in der Regel der betreffende Preisvorteil auszufallen, der dann meist „Mengenrabatt“ genannt wird. Auf dem Briefmarkenmarkt hingegen scheint dies, wenigstens unter bestimmten Voraussetzungen, durchaus anders zu sein. Woran liegt das und welches sind diese Voraussetzungen? Jeder kennt solche Rabattierungen: Filterkaffee wird beim Lebensmittelhändler bisweilen per „6 Päckchen zum Preis von 5“ angeboten. Im Kaufhaus findet der Kunde nicht nur am umkämpften Wühltisch anlässlich saisonaler Schlussverkäufe „4 Paar Socken zum Preis von 3“. Und auch der Verkäuferlockung „Wenn Sie 5 Stück nehmen, kann ich Ihnen einen besonders günstigen Preis machen“, wird jeder schon einmal erlegen sein. Ausgenommen von solchen Preisvorteilen durch Mengenabnahme sind in der Regel lediglich Waren, die – wie (ausgerechnet!) Bücher oder Zigaretten - grundsätzlich zu Festpreisen gehandelt werden. Und für Wiederverkäufer gelten bisweilen selbst bei letzteren mal mehr, mal weniger verhandelbare Sonderregelungen. Auf dem Briefmarkenmarkt ist dies manchmal ebenso. Es kann unter Umständen aber auch ganz anders sein. Für beides gibt es nachvollziehbare Gründe. Beides hängt aber auch geradezu systematisch von gewissen Voraussetzungen ab, über die der Marktteilnehmer sich klar werden muss.
Mengenrabatte für Briefmarken?
Auch der philatelistische Markt, namentlich in Gestalt von Auktionsofferten, kennt so genannte Mengen- oder Engros- Angebote zu Konditionen, die gemessen an den betreffenden Katalogbewertungen besonders günstig scheinen. Meist sind diese Offerten sogar in speziellen Katalogabschnitten eigens abgesetzt und als solche kenntlich gemacht. Da findet der Interessent beispielsweise 500mal Bund „Mona Lisa“ (Mi.-Nr. 148) gestempelt gegen Gebot oder l Gr. Kleiner und Großer Brustschild (Deutsches Reich Mi.-Nr. 4 und 19) gestempelt in größeren Stückzahlen (nicht selten mit Hinweisen wie „Stempelfundgrube“ oder „auf Plattenfehler undurchsucht“) oder Bogensätze der einst überschätzten und deshalb gehorteten bundesdeutschen Ausgaben der Sechziger Jahre (in letzter Zeit durchaus seltener werdend) oder auch manchmal etwas Höherwertigeres wie beispielsweise zehn postfrische Sätze „Deutsch-Chinesische Freundschaft“ der DDR (Mi.-Nr. 286-288) zum Preisansatz von rund 15 Prozent des Katalogwertes. Kleine Marken in größeren Einheiten, hier Bund Mi.-Nr. 126 im gestempelten 8er-Block ( BUN00001 ) und Berlin Mi.-Nr. 187 im gestempelten 4er-Block. ( BER00005 ) Eine der Voraussetzungen für solche zumindest rechnerisch günstigen Offerten ist also offenbar die Angebotsform als Engros-Ware, also Mengenangebote ein und derselben Marke oder Ausgabe, die allermeist en detail von eher geringem Wert ist. Eine zweite Voraussetzung liegt weniger auf der Hand, lässt sich aber meist als folgende Regel rekonstruieren: „Mengenrabatte werden ausschließlich für Einzelmarken, nicht aber für Markeneinheiten gewährt“. Von dieser Regel gibt es eigentlich nur eine wesentliche Ausnahme: Während der vergangenen zwei oder drei Jahrzehnte sind auf dem Markt immer wieder größere Bogenbestände aus Markenüberproduktionen einzelner Länder aufgetaucht und vorwiegend von Briefmarken-Versandhändlern angeboten worden. Mehrere Dutzend Bogen etwa sowjetischer Dauerserienweite aus den 70er Jahren, bunte Bogenbestände mancher Scheichtümer, Koreas und anderer Länder, die es mitunter durchaus auf vierstellige MICHEL-Bewertungen brachten und aus nicht immer so ganz geklärten Quellen stammten, wurden (und werden bisweilen immer noch) zu Kursen zwischen ein und zwei Prozent der jeweiligen Katalogwerte angeboten und auch verkauft. Dies aber ist, wie gesagt, unter der hier interessierenden Fragestellung nur ein Sonderfall.
Markeneinheiten: Ein eigenständiger Waren-Typ
Anders als die Kaffee-Päckchen und die Sockenpaare aus unseren Eingangsbeispielen eignen sich selbst geringerwertige Briefmarken, die einzeln tatsächlich in größeren Stückzahlen als Engros-Ware feilgeboten werden, in aller Regel dann nicht mehr zu preisreduzierten Mengenofferten, sobald sie in postfrischen oder gestempelten Markeneinheiten auftreten. Aus Gründen, die wir nachfolgend noch zu erläutern haben, kommen Markeneinheiten, wie die in diesem Beitrag im Bild gezeigten, in Engros-Angeboten in aller Regel nicht vor. Denn solche Markeneinheiten konstituieren einen von der betreffenden Einzelmarke nochmals unterscheidbaren, vollkommen eigenständigen Typ von Ware. Nehmen wird den hier abgebildeten postfrischen Block von 16 Exemplaren der 18 Kr. Großer Brustschild des Deutschen Reiches (Mi.-Nr. 28) als Beispiel: Sechzehn postfrische Einzelwerte dieser Marke wären bei einer größeren Auktion als Engros-Partie in der Tat bestens geeignet. Ein solcher Posten würde qualitätsabhängig erwartbar zwischen 15 und 25 Prozent des Gesamtkatalogwertes von 2.400 Euro einspielen. Der 16er-Block indessen hat während der jüngsten Köhler-Auktion in Wiesbaden im Endpreis deutlich mehr als 90 Prozent seines rechnerischen MICHEL-Wertes erzielt.
Mehrwert: Deutsches Reich Mi.-Nr. 28 im postfrischen 16er-Block: MICHEL-Wert 2.400 Euro, Ausruf 500 Euro, Zuschlag 1.600 Euro, macht im Endpreis rund 93.5 Prozent MICHEL. Sechzehn postfrische Einzelwerte dieser Marke sind also offensichtlich „Peanuts“, „Masse“ (oder doch jedenfalls zu einem Mengenangebot tauglich); sechzehn postfrische Exemplare derselben Marke als zusammenhängende Markeneinheit stellen dagegen unter Marktgesichtspunkten ein völlig anderes, unabhängig zu beurteilendes und zu bewertendes Objekt dar. Dieser Marktsachverhalt aber macht nur dann (und nur deshalb) nachvollziehbaren Sinn, wenn (und weil) hier auch vom Blickpunkt des Sammlers aus nicht nur das „Mehrfache“ eines Einzelgegenstandes, ein Mengenangebot des gleichen Objekts, vorliegt, sondern wenn es sich auch philatelistisch um ein völlig neues, eigenständiges Objekt handelt. Und eben dies ist der Fall.
Der Teil, die Summe und das Ganze
Das Ganze sei eben mehr als die Summe seiner Teile, versichert man uns gelegentlich. Das mag in vielerlei Kontexten zutreffen. Hier aber ist auch diese Einsicht noch unzureichend: Eine philatelistische Markeneinheit ist weder bloß die Summe ihrer Teile noch ist sie einfach mehr als die Summe dieser Teile. Die Einheit ist vielmehr etwas ganz anderes als die Summe der Teile. Das ist ein Umstand, der zwar vielfältige Auswirkungen auf den Markenmarkt und die betreffenden Preisgestaltungen hat. Er ist jedoch selbst nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, Erfordernissen oder Ansprüchen des Marktes geschuldet, sondern verdankt sich ganz überwiegend philatelistischen Kriterien und Unterscheidungen. Diese Kriterien, die Markeneinheiten zu philatelistisch und wirtschaftlich eigenständigen Objekten machen, können nun freilich von vielfältiger Art sein. Jedes einzelne von ihnen würde einen gesonderten Beitrag rechtfertigen, sodass wir uns hier auf das wesentliche beschränken müssen. Viele dieser Kriterien lassen sich unter Gesichtspunkten einerseits der Erhaltungsqualität, andererseits der dokumentarischen Aussagekraft subsumieren. Dass Markeneinheiten unter qualitativen Gesichtspunkten unstrittige Vorzüge haben, liegt auf der Hand. Während eine lose Einzelmarke an allen vier Seiten aus dem Markenbogen getrennt wurde und entsprechenden Beanspruchungen ausgesetzt gewesen ist, sind die innen liegenden Marken einer größeren Einheit, ggf. auch nur die nach innen oder zum Bogenrand hin weisenden Zähnungsleisten in aller Regel von makelloser Qualität. Das Eckrandstück aus einem Posthorn-Eckrand- Viererblock ist dann eben „einwandfrei“ und nicht (wie sonst meist) „ausgabentypisch“ gezähnt. Auch die Chancen auf unversehrte Gummierung oder auf sichere Prüfbarkeit eines Stempels sind bei Markeneinheiten zumeist weit höher als bei losen Einzelmarken.
Bund- Mi.-Nr. 139-140 in gestempelten Eckrandvierern, soeben versteigert für 500 Euro, die im Endpreis inkl. Gebühren fast 83 Prozent MICHEL entsprechen. Unter philatelistisch-dokumentarischen Gesichtspunkten ist ein schlichter Marken-Viererblock oft wertvoller als hundert lose Einzelstücke. Markeneinheiten können Auskunft geben über ihre Herkunft aus Markenrollen (Elferstreifen) oder Bogenfertigung (Bogenränder, waagerechte Paare), sie dienen zum Nachweis und zur Verortung von Plattenfehlern, dokumentieren Klischee-Versetzungen (etwa bei Preußen) oder Klischee-Wiederholungen (wie bei Berlins erster Bauten-Serie) oder Reparaturmaßnahmen wie geklebte Papierbahnen. Zumal, wenn es sich um Markeneinheiten vom Bogenrand handelt, bezeugen sie verwendete Druckverfahren (Platten- oder Walzendruck etwa bei Inflationsmarken), Druckdaten (Französische Zone), Teilauflagen und ihre zeitliche Abfolge über Druckdaten (Französische Zone, Saar), Hausauftragsnummern, Druckerzeichen und Druckvermerke (bei fast allen Sammelgebieten) und vieles mehr. Praktisch durchgehend und unabhängig vom jeweiligen Sammelgebiet gilt: Briefmarken-Einheiten konstituieren nicht nur einen philatelistisch anderen Wert als die Summe ihrer Teile, sondern - eben deswegen - auch einen wirtschaftlichen Mehrwert. Der Verzicht auf wohlfeile Preisnachlässe sollte unter solchen Voraussetzungen niemandem schwer fallen.
Gerd H. Hövelmann
überarbeitet M. M.