Sie sind hier: Bibliothek Philatelie

Dass der Briefmarkenmarkt, aufs Ganze gesehen, schon seit Jahren nicht so recht „aus der Hüfte kommt“, lässt sich schwerlich bestreiten. Ebenso wenig, dass es sich dabei im Wesentlichen nicht um ein hausgemachtes Problem handelt, vielmehr um eines, das in ähnlicher Form weltweit zu beobachten ist. Die Gründe dafür sind vielfältiger Art und sollen hier im Moment nicht diskutiert -werden. Ungeachtet dieser Situation kennt der Briefmarkenmarkt - und in dem uns interessierenden Zusammenhang tatsächlich insbesondere der deutsche Markt - eine Reihe ausgesprochener Trendgebiete. Eines dieser Gebiete hat amtliche Drucke auf den Rändern von Markenbogen zum Gegenstand. Solche Zudrucke bei Reichspostausgaben bis etwa zum Jahr 1900 zeichnen sich dabei in mehrfacher Hinsicht aus. Außer von traditionellen Länder- und Gebietssammlungen, die sich - nicht selten nach Maßgabe von Vordruckalben - nach der schlichten Systematik von Kataloghauptnummern ausrichten, lebt der Markenmarkt derzeit insbesondere von einer fortschreitend zunehmenden und uneingeschränkt begrüßenswerten Spezialisierungsbeflissenheit der Sammlerschaft. Manche solcher spezialisierten Orientierungen sind so detailversessen und bisweilen auch so kostspielig, dass sich ihnen nur wenige Sammler verschreiben. Andere Spezialisierungen sind zwar ebenfalls nicht „mehrheitsfähig“ (denn sonst wären sie keine Spezialgebiete, sondern die philatelistische Norm), haben aber oft doch ganz beträchtliche Scharen von Liebhabern philatelistisch motivieren, wenn nicht gar begeistern können. Einige von ihnen haben sich gar zu ausgesprochenen Trendgebieten ausgewachsen.

Zu diesen populären Sondergebieten mit leidlich gesicherter philatelistischer Zukunft zählen insbesondere jene, die dem Interessenten ein weites Feld eigener Betätigungsmöglichkeiten sowie eigene Entdecker-Chancen eröffnen und ihm zur gleichen Zeit – zunächst wenigstens - keine abschreckenden finanziellen Belastungen auferlegen. Beide Umstände zählen zweifellos zu den Gründen, weshalb das Sammeln von Plattenfehlern und anderen Abarten und Besonderheiten sich einer solch unübersehbaren Beliebtheit erfreut. Es gibt jedoch noch etliche weitere Spezialgebiete mit einer ebenso breiten wie treuen und daher auch markt- relevanten Sammlergemeinde. Zu diesen zählen, um nur wenige zu nennen, das Sammeln bestimmter Stempelsorten und -formen, von Bedarfspost unterschiedlichster Ausrichtung, von waagerechten Freimarkenpaaren, von Markenheftchen und Zusammendrucken einzelner Gebiete und schließlich auch von amtlich zu unterschiedlichen Zwecken vorgenommenen Zudrucken auf den Rändern von Briefmarkenbogen.

Weit mehr als eine Randerscheinung

Dass das Sammeln verschiedenster Bogenrandzudrucke gerade bei Ausgaben der moderneren Markengebiete (Nachkriegszonen, Bund, Berlin, DDR) besonders beliebt ist und gepflegt wird, ist nachgerade sprichwörtlich. Und es ist im übrigen auch nahe liegend, denn bei den genannten Gebieten handelt es sich um jene, denen sich die größte Zahl deutscher Sammler verschrieben hat. Bogenrandzudrucken dieser Gebiete besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ist mithin nur eine folgerichtige Erweiterung einer normalen Ländersammlung und zunächst kein gänzlich neuer sammlerischer Gegenstandsbereich. Aus dem eigenen Dubletten-Fundus lässt sich hier nicht selten schon das eine oder andere interessante Stück gewinnen, das einen auch philatelistisch nennenswerten Bogenranddruck dokumentiert. Die ausgesprochene Beliebtheit dieser Form der Sammlungserweiterung hat auf dem Briefmarkenmarkt längst nachhaltige Spuren hinterlassen. Formnummern, Farbrandstreifen, Hausauftragsnummern, Druckerzeichen und Druckvermerke werden im Laden- und Versandhandel, insbesondere aber bei Auktionen, inzwischen nicht selten zu Kursen gehandelt, die über die vollen Notierungen des MICHEL-Kataloges merklich hinausgehen. Vor allem bei Posthorn und Heuss, aber beispielsweise auch bei der ersten Berliner Bautenserie oder korrigierten Bogennummern der Französischen Zone, lassen sich manche Randbesonderheiten selbst für Geld und gute Wort nicht ohne weiteres beschaffen. Manches (etwa bestimmte Posthorn-Druckerzeichen und -Formnummern) ist gar gänzlich unverfügbar, da bisher überhaupt nur in zwei, drei Exemplaren bekannt.

Solche Bogenrand-Besonderheiten üben auf Philatelisten auch darum einen nicht geringen Reiz aus, weil sie postseitig nicht mit gierigem Blick auf die Geldbörsen markensammelnder Kunden angebracht worden sind. Vielmehr dienten die Zahlen, Buchstaben und sonstigen Zeichen auf den Rändern der Markenbogen - im übrigen schon zu Zeiten der Preußischen Post - fast immer drucktechnischen Zwecken. Und der normale Postkunde, der Marken am Schalter für seinen aktuellen Bedarf erwirbt, bekam und bekommt auch heute die Randbedruckung der Markenbogen in aller Regel nicht zu Gesicht. Das Sammeln derartiger Randmerkmale, die wichtige Einblicke bezüglich des Drucks und sonstiger technischer Fertigungsmerkmale von Briefmarkenausgaben vermitteln, ist mithin Philatelie bzw. Postgeschichte reinsten Wassers. Die für Markenausgaben zumindest der Nachkriegszeit heute vielfach noch greifbaren Druckprotokolle und sonstigen Fertigungsdokumente einerseits und die auf Bogenrändern anzutreffenden Druckvermerke Hausauftrags- oder Formnummern kommentieren und bestätigen sich wechselseitig und geben wichtigen Aufschluss über die Herstellung von Briefmarken.

Die Aussagekraft von Randzudrucken

Es liegt auf der Hand, dass Bogenrandmerkmalen wie Platten- und Formnummern, Druckzeichen oder Hausauftragsnummern eine noch wesentlich größere, für die philatelistische Forschung ganz entscheidende Bedeutung bei älteren Marken zukommt, für die entsprechende ministerielle oder postalische Anweisungen und Verfügungen für die Druckausführung, Druckprotokolle oder vergleichbare Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und ähnliche Quellen nur noch spärlich oder gar nicht mehr greifbar sind. Hier lassen manche drucktechnische Details sich überhaupt nicht mehr im Rückgriff auf zeitgenössische Dokumente klären. Vielmehr können sie häufig nur noch anhand der Randbedruckungen der Briefmarkenbogen erschlossen und mehr oder weniger plausibel rekonstruiert werden. Dies ist nicht nur bei vielen Freimarkenausgaben der altdeutschen Staaten der Fall, sondern auch bei zahlreichen Marken, die aus den ersten Jahrzehnten der Deutschen Reichspost bis etwa 1900 ( Brustschild-Ausgaben bis  Krone/Adler ), teils auch noch aus späteren Jahren stammen. Die philatelistische Sammlung und die akribische Dokumentation und Rekonstruktion, von Marken mit anhängenden Bogenrändern, die drucktechnische Hinweise wie Anlagepunkturen, Druckvermerke, Plattennummern, Druckerzeichen oder dergleichen tragen, erhält hier eine zusätzliche Rechtfertigung. Jedem einzelnen erhalten gebliebenen und in einer Sammlung belegbaren Stück kommt hier neben seinem philatelistischen zusätzlich ein besonderer postgeschichtlich-dokumentarischer Wert zu. Bei den frühen Ausgaben der Reichspost - den kleinen und großen Brustschilden sowie den Pfennige-, Pfennig- und Krone/Adler-Marken, selbst noch bei „Germania Reichspost“ - sind bereits Marken mit anhängenden, gänzlich unbedruckten Bogenrändern selten. Weitaus rarer noch sind aber Randstücke mit den erwähnten, in aller Regel nur ein Mal pro Bogen vorkommenden Platten- oder Druckerkennzeichnungen. Fast immer wurden die Bogenränder von Postbeamten vor der Ausgabe oder vor dem Verkleben der Marke weisungsgemäß abgetrennt. Das erklärt, weshalb gestempelte Randstücke mit Zudrucken aus jener Zeit noch wesentlich seltener sind als ungebrauchte.

Entsprechend sind Marktangebote solcher „klassischer“ Randstücke mit kennzeichnenden Merkmalen nur sporadisch festzustellen, und sie erzielen, bei Auktionen etwa, nicht selten ein Vielfaches der Preise, die dieselbe Marke ohne den anhängenden Bogenrand einbringen würde. Dennoch kann man mit einigem Glück auch heute noch fündig werden, ohne gleich überdurchschnittliche Preise zahlen zu müssen. Gerade ältere Sammlungen dieses Zeitraums rechtfertigen eine genaue Durchsicht. Bisweilen sind Bogenränder nach hinten geschlagen, im unsäglichen Bemühen, Albumplatz zu sparen. Auch die Sichtung von Massen- und Bündelware lohnt sich bisweilen. Neben Anlage- und Zähnungspunkturen und Schraubenkopfabdrucken sind von den Bogenrändern der Brustschildausgaben beispielsweise Buchstaben und Ziffern, eigenartige kleine „Farbblöcke“ sowie kreuz- und dolchförmige Plattenkennzeichen bekannt, vermutlich nur Buchstaben und. Ziffern auch von der Ausgabe „Pfennige“. Von den Pfennig-Marken sind ferner farbige Randbalken und wiederum Nagelkopfabdrucke, dazu linealartige Papierkontrollaufdrucke der Papierhersteller (desgleichen auch beim 2-Mark-Wert ab 1875 ) sowie sechsstellige, oft nur zum Teil sichtbare Paginierzahlen registriert. Von „Krone/Adler“ kennt man u.a. Randstrichelleisten, ebenfalls Paginierzahlen und Papierkontrollaufdrucke, je einmal vorkommende Bogenwertzahlen auf dem Oberrand (bisher nur bei 9 der 44 katalogisierten Krone/Adler-Farben nachgewiesen), Formnummern, Doppelformnummern und Drucker(ei)zeichen. Dabei lassen sich - um wenigstens auf eine der frühen Reichspost-Ausgaben etwas näher einzugehen - bei den zahlreichen zeitlich und farblich unterscheidbaren Marken der Krone/Adler-Serie vier Phasen auseinander halten, in denen in der Reichsdruckerei verschiedene Sorten von Randzudrucken verwendet wurden. Bei den jeweils ersten Auflagen ab Anfang Oktober 1889 waren die Bogenränder offenbar völlig unbedruckt - der sogenannte „Randdruck 0“ in der Terminologie von Gotwin Zenker (vgl. den Literaturhinweis am Schluss). Allerdings ist dieser Randdruck bzw. das mutmaßliche Fehlen eines solchen bis heute nicht hinreichend geklärt. Immerhin hat es seit Markenausgabe fast ein Jahrhundert gedauert, bis wenigstens ein unvollständiger Halbbogen mit 40 Exemplaren des 3-Pfg.-Wertes aufgetaucht ist. Ein kompletter oberer Halbbogen ist gar erst seit 1998 bekannt. Mindestens diese größten nachgewiesenen Bogenteile haben keinerlei Bogenranddrucke, daher „Randdruck 0“.

Ab der 2. Auflage, mutmaßlich aus dem Jahr 1890, lassen sich („Randdruck I“ nach Zenker) die Bogenwertzahlen in der Mitte des Oberrandes feststellen. Ein Beispiel des 20-Pfg.-Wertes ist hier abgebildet. Ab Ende des Jahres 1892 entfielen diese Bogenwertzahlen wieder und wurden („Randdruck II“) durch Reihenwertzahlen zur leichteren Verrechnung verbrauchter Marken ersetzt. Zwei Jahre später, Ende 1894, wurden den Bogen dann dreiseitig Strichleisten hinzugefügt. Diese sollten die Randklischees der Druckplatte vor Beschädigungen schützen. Dieser „Randdruck III“ lässt sich nach zwei Varianten unterscheiden. Beim „Randdruck IIIA“ waren die in der Druckbogenmitte liegenden Strichleisten des linken und rechten Schalterbogens oben und unten miteinander verbunden. Beim seit 1897 vorfindlichen „Randdruck IIIB“ stehen die seitlichen Strichleisten dagegen unverbunden nebeneinander. Zahlreiche weitere Details harren aber auch hier noch zusätzlicher Forschung und weiterer Belegfunde. Es empfiehlt sich folglich, die Augen sorgsam offen zu halten. Es wäre schade um jedes nicht entdeckte, unachtsam beiseite gelegte oder gar abgetrennte Randstück mit Bogenrandzudruck. Und zwar nicht nur wegen ihres potentiellen Handelswertes, sondern gerade auch angesichts ihrer philatelistischen Aussagekraft.

 

Gerd H. Hövelmann
überarbeitet  M. M.