Und der Vergleich mit dem Musterbogen der nicht erschienenen Marke bestätigte seine Feststellungen. Die Marke ist echt! Sie weist auf der linken Seite Knitterspuren und einen kleinen Einriss auf, am Oberrand einen kleinen Zahnfehler. In diesem Fall wird vielleicht ein späteres Auktionsangebot tatsächlich einmal berecht formulieren dürfen, dass die Marke angesichts ihrer Seltenheit, ihrer (bisherigen) Einmaligkeit „einen nur unbedeutenden Zahnfehler“ aufweist. Was den Wert der Marke angeht, schätzte BPP- Fachprüfer Andreas Schlegel die Marke mit 10-15.000 Euro ein, denn auf dieser Basis berechnete er die Prüfgebühr. Ein bis dahin unbekannter Sammler in Leupoldsgrün bei Hof konnte aufatmen. Seine Marke war echt! So willigte dieser gerne ein, die Marke in einem Pressegespräch des Bundes Deutscher Philatelisten in Bonn am 5. Januar erstmals einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. BDPh- Pressesprecher lud die Tages- und Fachpresse, Funk- und Fernsehvertreter ein - und sie alle kamen. Am Tag darauf war die Audrey Hepburn-Marke in zahlreichen Medien zu sehen, mit ihr ein glücklicher Briefträger namens Werner Dürrschmidt. Obwohl eingeladen, fehlten Repräsentanten des Bundesfinanzministerium, der Deutschen Post und der Bundesdruckerei, allein die Deutsche Post schickte rechtzeitig ein Statement.
Das große Rätselraten
In der Dezemberausgabe war bewusst noch kein Hinweis auf mögliche Quellen geäußert worden, die vielleicht als „Urheber“ der Verwendung dieser nicht erschienenen Marke in Betracht zu ziehen seien, denn die der Redaktion vorliegende Meldung ließ mehrere solcher Ursprungsquellen zu. Es sollte auch keine der involvierten Personen fälschlich in Verdacht gebracht werden, zumal nicht alle Recherchen bis zum Redaktionsschluss abzuschließen waren. So weiß man mittlerweile mehr, auch dank des Statements der Deutschen Post. Für den SPIEGEL stellen sich die Fakten so dar: „Je drei Bögen mit je elf (es hat sich doch wohl um Zehnerbogen gehandelt, Anm. d. Autors) Marken erhielten die Künstlerin Antonia Graschberger, der Vorsitzende des Briefmarkenbeirats, Karl Oskar Blase, sowie – zur Ansicht und Prüfung - Eichels Ministerium“. Die Bundesdruckerei hatte, so der SPIEGEL, nachdem bekannt war, dass diese Marke nicht gedruckt wurde, die beiden genannten Künstler (Antonia Graschberger war die ausführende Grafikerin und Oskar Blase Vorsitzender des Kunstbeirates) aufgefordert, die Musterbogen zurückzugeben, um diese zu vernichten. Nur das BMF folgte nicht dieser Aufforderung, so der SPIEGEL, der das Ministerium auch mit der Aussage zitiert, es sei wohl auch nicht feststellbar, ob die Briefmarke überhaupt vollständig der Vernichtung zugeführt worden sei, denn diese Verantwortung habe bei der Deutschen Post AG gelegen.
Demgegenüber bestätigt die Deutsche Post, dass „bis auf die an die Deutsche Post und das BMF gelieferten Druckausfallmuster alle Postwertzeichen ordnungsgemäß entsorgt (wurden). Von den der Deutschen Post gelieferten 20 Druckausfallmustern sind jeweils 10 im Archiv der Deutschen Post und bei der Museumsstiftung Post und Telekommunikation gesichert. Die dem BMF gelieferten 30 Druckausfallmuster dagegen liegen der Deutschen Post nicht vor und sind vom BMF auch nicht an die Bundesdruckerei zurückgegangen“. Die Aussage des BMF, es sei nicht feststellbar, „ob die Briefmarke überhaupt vollständig der Vernichtung zugeführt worden sei, denn diese Verantwortung habe bei der Deutschen Post AG gelegen“, bewertet die Deutsche Postphilatelie als Verfehlung der Fragestellung. Sie habe keine Veranlassung, „an der ordnungsgemäßen Entsorgung der betreffenden Marken durch die Bundesdruckerei zu zweifeln. Im eigenen Bereich sind die noch vorhandenen Druckmuster komplett nachgewiesen. Über den Verbleib der 30 Druckausfallmuster, die dem BMF geliefert worden sind, kann nur das BMF Auskunft geben“. Auf Nachfrage der Redaktion philatelie bestätigte Dr. Andreas Hahn, Leiter des Archivs für Postwertzeichen in Bonn, dass „sein“ Bogen tatsächlich noch vollständig vorhanden sei. Bundesdruckerei und BMF gaben auf eine entsprechende Anfrage der Redaktion allerdings keine Antwort (bis zum Redaktionsschluss). Dabei wäre zumindest der Verbleib der Bogen, die im BMF waren, doch recht leicht zu klären: eine Anfrage an Kurt F. Rekittke, an Sandra Aust, seine damalige auch für den Kunstbeirat zuständige Assistentin, und an Hans-Jürgen Corduan könnte doch über den Verbleib Erhellung bringen. Noch einfacher wären wohl der Nachweis der vollständigen damals ans BMF gelieferten Bogen und deren Rückgabe. Wenn dieses dem Ministerium selbst heute nicht möglich ist, wird es auch weiterhin mit der zuvor mehrfach nahe gelegten Aussage leben müssen, dass es zumindest als eine der Ursprungsquellen in Frage kommen kann.
„Höhere Mathematik“ wird vielleicht der spätere Verkaufspreis dieser Marke sein, die bislang ein Unikat ist. Denn anders als bei dem seinerzeit ebenfalls erstmals in der philatelie vorgestellten und von Wilhelm van Loo entdeckten Dohnanyi-Essay mehrten sich seit der Erstpublikation nicht die Anrufe, die von weiteren Neuentdeckungen berichten. 20.000 Euro soll das vorliegende gute Stück wert sein, so BDPh-Sprecher Reiner Wyszomirski. Sofern nun nicht plötzlich 30 weitere Stücke auftauchen, könnten dies auch leicht mehr werden, meinen fachkundige Auktionatoren. Immerhin: Auch „Otto Normalverbraucher“ wird sich diese moderne Rarität einmal selbst anschauen können, bei der kommenden NAPOSTA in Hannover, denn ganz so schnell will sich Werner Dürrschmidt doch noch nicht von seinem „Schatz“ trennen. Wer weiß: vielleicht kann man bis dahin auch Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart auf der zweiten damals zurückgezogenen Marke begrüßen?
Wolf gang Maassen
überarbeitet M. M.