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Der erste offizielle Auslandsbesuch unseres neuen Bundespräsidenten Horst Köhler führte nicht – wie bei seinen Vorgängern üblich - nach Paris, sondern nach Warschau zum polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski. Und wie selbstverständlich flog Köhler auch nach Danzig, um am Ehrenmal auf der Westerplatte einen Kranz niederzulegen. Mit Schüssen auf die Westerplatte hatte vor 65 Jahren Hitlers Marine den Überfall auf Polen begonnen und damit den Zweiten Weltkrieg mit all seinen verheerenden Folgen ausgelöst. Unverhofft ? Blicken wir in aller Kürze - und unvollkommen aus der Sicht eines Philatelisten - zurück auf 1933, dem Geburtsjahr des „Dritten Reiches“, und sehen wir auf die weitere Entwicklung in den Jahren danach.

„Machtergreifung“

Am 30. Januar 1933 hatten Hitler und die NSDAP ihr erstes wichtiges Ziel erreicht: Mit hemmungsloser Propaganda und blutigem Terror erkämpften sie sich die Regierungsgewalt im Deutschen Reich und feierten kurze Zeit später - am 5. März 1933 – das Ergebnis der Reichstagswahlen als „grandiosen Sieg“. Hitler krönte diesen Sieg mit dem „Tag von Potsdam“: Am 21. März trat der erste Reichstag des „Dritten Reiches“ in der Garnisonkirche zu Potsdam (DER00144), also auf höchst traditionsreichem Boden und der damaligen letzten Ruhestätte Friedrichs des Großen, erstmals zusammen. Und Hitler verlas im Angesicht des greisen Reichspräsidenten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg seine „Proklamation an das deutsche Volk“, in der er die Richtung seiner Reichsregierung festlegte. „Der Marschall und der Gefreite, Seit` an Seite!“ hieß es in aller Öffentlichkeit und wurde später auch in dieser Form dokumentiert auf der ersten Briefmarke (als Wertstempel einer Ganzsache) mit dem Bildnis von Hitler neben Hindenburg.

Mit dieser Abbildung Hitlers - gemeinsam mit Hindenburg - wurde zum ersten (und einzigen ?) Mal das bis heute ungeschriebene Gesetz durchbrochen, wonach keine lebende Persönlichkeit auf einer deutschen Briefmarke abgebildet werden darf - mit einer einzigen Ausnahme, die des Staatsoberhauptes. Schon wenig später, nach dem Tode Hindenburgs im August 1934, - also vor genau 70 Jahren - konnte Hitler auch dieses höchste Amt „ergreifen“! Das tat er sofort und baute seine Macht und die seiner Partei planmäßig und radikal weiter aus. (DER00153)

Aufbau eines totalitären Staates

Bereits wenige Tage „nach Potsdam“ trat der Reichstag in der Kroll-Oper zu einer historischen Sitzung zusammen und beschloss - gegen flammende Proteste aufrechter Demokraten - das „Ermächtigungsgesetz zur Behebung der Not von Staat und Volk“. Der Reichstag hatte sich damit selbst überflüssig gemacht! Alle Macht lag jetzt bei Hitler und der NS-Partei mit den hinreichend bekannten verheerenden Folgen: Politische Gegner und Personen jüdischer Abstammung wurden aus ihren Ämtern entfernt, boykottiert, verfolgt, | misshandelt oder - in der Regel ohne Gerichtsbeschluss - in „Schutzhaft“ genommen. Der Rechts- und Verfassungsschutz war zerschlagen, alle demokratischen  Einrichtungen und Organisationen wurden aufgelöst. Die NSDAP war die Staatspartei mit einem totalen Machtanspruch.

Eingriffe in die Presse- und Versammlungsfreiheit waren jetzt legal. Der Ausnahmezustand ist quasi zum „Rechtszustand“ und zur eigentlichen „Verfassung“ des Dritten Reiches erklärt worden! Und galt in dieser Form bis zum Kriegsende im Mai 1945. Das Symbol dafür nach außen, das Hakenkreuz, eroberte auch das Briefmarkenalbum, zunächst als neues Wasserzeichen im Papier für die WHW-Marken des Jahres 1933 mit Motiven aus Wagner-Opern. Zufall? Bekanntlich war Hitler ein begeisterter Wagner-Anhänger. Wenig später erfolgte der Neudruck der Hindenburg-Medaillon-Marken ebenfalls auf diesem Papier. (DER00397) Gerade der „Mythos Hindenburg“ im Deutschen Volk wurde von Hitler bewusst gepflegt und gefördert, um von seinen eigenen Plänen und (weitgehend noch geheimen) Taten abzulenken. Diesem Umstand ist auch zuzuschreiben, dass diese Dauermarkenserie bis zur bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 noch frankaturgültig geblieben war. Erinnert sei an die zahlreichen Mischfrankaturen aus den letzten Kriegstagen in der Reichshauptstadt Berlin (20. und 21. April 1945) auf „handgefertigten“ R-Briefen mit den SA- und SS-Marken in Kombination mit Hindenburgmarken! (DER00361)

Hitler selbst hielt sich zunächst auf dem Markenbild dezent zurück. Auch das in voller Absicht. Erst im Jahr 1937, also vier Jahre nach der „Machtergreifung“,  erschienen die ersten Briefmarken (in Blockform und auf Ganzsachen) - und dann sogleich mehrfach aus den verschiedensten Anlässen! - mit dem heroisch blickenden Führer nach einem Foto des Reichsbildberichterstatters Heinrich Hoffmann. (C00193) , (C00197) , (C00195) , (C00201)

Bluff nach außen, Aufrüstung im Geheimen

In „Mein Kampf“ hatte Hitler offen ausgesprochen, dass er zur Erreichung seiner Ziele „alle denkbaren Mittel, Kriege eingeschlossen“, einzusetzen beabsichtige. Durch den Versailler Vertrag verlorene Gebiete, so ließ er wissen, seien nicht „durch Zungenfertigkeit, sondern nur mit geschliffenem Schwert und im blutigen Kampf  zurückzugewinnen “. Das waren mehr als deutliche Worte! Doch zunächst besänftigte Hitler die Welt und das eigene Land, betonte in seinen öffentlichen Auftritten, offiziellen Erklärungen und in der längst gleichgeschalteten deutschen Presse immer wieder seinen Friedenswillen und die Friedensbereitschaft Deutschlands. Vor allem das Ausland wurde verunsichert und vor die Frage gestellt, was es nun glauben solle. Längst ist erwiesen, dass Hitler von Anfang an sein Ziel genau verfolgte und alle seine Erklärungen nur taktische Finessen waren. Seine Losung hieß „Aufrüstung“, um das „deutsche Volk Stück für Stück zu befreien“ und um ihm „neuen Lebensraum im Osten zu verschaffen“. Ohne Zweifel war der Bau der „Reichsautobahnen“ ein probates Mittel gegen die hohe Arbeitslosigkeit (Anfang 1933: rd. 6 Mio. Arbeitslose!) und auch zur Stärkung der Verkehrssicherheit angesichts eines stetig anwachsenden Verkehrsaufkommens. Hitler verfolgte mit dem Bau vornehmlich strategische Ziele. Bereits drei Jahre nach dem ersten Spatenstich (23. 9. 1933) waren die ersten eintausend Autobahn-Kilometer fertiggestellt (siehe Sonderganzsache der Deutschen Reichspost vom 21. 9.1936).

Die jährlichen Reichsparteitage in Nürnberg mit ihren feststehenden Ritualen, Aufmärschen und Paraden wurden zu „Heeresschauen“ im wahrsten Sinne des Wortes umfunktioniert (vergleiche diverse Sondermarken und Sonderganzsachen). (DER00211) Deutsche Ingenieurkunst und Industrieleistungen sollten in aller Welt die Friedfertigkeit des deutschen Volkes unterstreichen. So beeindruckten z.B. die Zeppelinfahrten rund um den Globus (mit philatelistischen Belegen „vom Feinsten“!) natürlich alle Welt. Die dabei und bei vielen anderen Entwicklungen gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen im „High-Tech“-Maschinen- und Anlagenbau dienten freilich ebenso der Rüstung und trugen später  wesentlich zum Erfolg der Wehrmacht im „Blitzkrieg“ gegen Polen bei. (DER00125) , (DER00126) Nicht das tragische Unglück der „Hindenburg“ im Mai 1936 in Lakehurst besiegelte das Schicksal der Zeppeline, sondern die Überzeugung des Luftwaffenchefs Göring, dass Zeppeline keine Kriegstauglichkeit besitzen!

Und als letztes Beispiel in dieser mehr oder weniger wahllos und oberflächlich aufgestellten Liste müssen die XI. Olympischen Spiele 1936 in Berlin genannt werden. Sie waren Hitler sozusagen „in den Schoß“ gefallen, da sie bereits 1931 vom IOK nach Berlin vergeben worden waren. Hitler nutzte sie natürlich als ideales Propagandafeld für seine große „NS-Nabelschau“ und bluffte damit die internationale Gemeinschaft über seine wahren Ziele. (C00190) , (C00191) Geradezu gigantisch sollte das neue Olympia-Stadion inmitten des riesigen Reichssportfeldes werden, 100 Tausend Zuschauer umfassen, ein Ort eben für Massen! Über Zweitausend Bauarbeiter errichteten es in der Rekordzeit von zwei Jahren und drei Monaten! Dieses Stadion ist heute – nach Restaurierung und Überdachung - das besterhaltene „Baudenkmal“ des Dritten Reiches und zählt nunmehr wieder zu den schönsten Sportstätten der Welt. Gigantisch waren auch die Spiele 1936 in Berlin mit großen Erfolgen für die deutsche Mannschaft, die sich mit 33 Goldmedaillen den ersten Platz in der Nationenwertung erkämpfte. Doch sofort nach Beendigung der Spiele zogen Soldaten eines Infanterie-Lehrregimentes in das Olympiadorf in Döberitz ein. Und auch daran sei erinnert: In den letzten Kriegstagen starben etwa Zweitausend junge Soldaten beim sinnlosen Versuch, das Gelände des Reichssportfeldes zurückzuerobern.

 „Vorboten“ eines Angriffskrieges

Inzwischen gut „gerüstet“, schmiedet Hitler ab 1938 konkrete Angriffspläne und beginnt, der Welt sein wahres Gesicht zu zeigen. Schritt für Schritt verwirklicht er seine Absichten und Versprechen aus früheren Jahren auf Rückeroberung verlorener Gebiete und fordert damit insbesondere ehemalige Kriegsgegner erneut heraus. So erzwang Hitler im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland und im Oktober 1938 die Abtrennung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei. Am 16. März 1939 rückten deutsche Truppen in Prag ein, und Hitler proklamierte dort das „Protektorat Böhmen und Mähren“ (GEB00239). Wenige Tage später stellte sich die Slowakei unter deutschen Schutz, und das Memelland wurde in die Provinz Ostpreußen eingegliedert. (GEB00037) Mit der „Rückendeckung“ eines „Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes“ vom 23. August 1939 wagte Hitler den entscheidenden Schritt, den Überfall auf Polen am l. September 1939. Daraufhin erklärten England und Frankreich zwei Tage später Deutschland den Krieg. Die dunkelste und wohl auch tragischste Periode deutsche Geschichte hatte ihren ersten Höhepunkt erreicht mit allen unmenschlichen und verheerenden Folgen, mit unbeschreiblichen Akten des Terrors und Völkermordes im einsetzenden Zweiten Weltkrieg. Beenden wir diesen knappen Überblick mit Worten unseres Bundespräsidenten bei seinem Antrittsbesuch in Polen, unserem neuen EU-Partnerland: „Deutschland hat seine Lektion aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt und ist sich der historischen Verantwortung für die schrecklichen Untaten Hitlers und seiner Geschichte bewusst“.

 

Reiner Wyszomirski
überarbeitet  M. M.