Geheimnisse der Druckplatte 3 der Penny Black
Philatelistische Raritäten, Weltseltenheiten oder gar Unikate müssen in der Philatelie eine Bedingung erfüllen, um Ansehen, Status und Geltung zu haben: sie sollten über einen „Stammbaum“ verfügen, also über eine Geschichte ihrer Herkunft, Vorbesitzer und Entdecker. Nun mag zwar nicht für jede Rarität dieser wünschenswerte Anspruch einzulösen sein, aber viele Raritäten haben eben diesen Stammbaum. Und wenn dann heute plötzlich ein höchst bemerkenswertes Stück auf den Markt kommt, das eben nicht über solch eine Biografie verfügt, dann sorgt beides - die Rarität wie der fehlende Stammbaum – für Schlagzeilen und Gerüchte. Otto Hornung stellt solch einen Fall aus jüngster Zeit näher vor.
Eine schöne Geschichte
Es war im Jahre 1931, da kaufte ein gewisser Major R. W. M. St. Maur aus Storer Park, Newton Abbot, eine alte Postkutsche. Er ließ sie reparieren und in sehenswerten Zustand bringen. Bei der Öffnung des Gepäckkastens am hinteren Ende der Kutsche entdeckte man einen innen angeklebten Umschlag. Die Überraschung war groß, als man darin verborgen einen ungebrauchten Block von 43 Exemplaren (!) der Penny Black entdeckte. Bei näherer Untersuchung konnte dieser Block näher beschrieben werden: er stammt von der Druckplatte 3 und bestand aus fünf Reihen zu je acht Marken aus der linken Bogenseite. Der Block war ohne Seitenrand und enthielt die Reihen N, O, P, Q und R mit den Kontrollbuchstaben A bis H. Die erste obere Reihe bestand aus drei Marken mit dem Buchstaben M links und den Kontrollbuchstaben A, B und C. Dieser ungewöhnliche Block kam im Jahre 1959 zur Versteigerung. Er erzielte einen Preis von £ 4.400, ein recht niedrigen Preis, wenn man bedenkt, was solch eine Rarität heute erzielen würde. Über sein weiteres Schicksal ist man informiert: der Block wurde von Mr. Reginald M. Phillips aus Brighton erworben, der ihn mit seiner Sammlung dem Nationalen Postmuseum stiftete.
Nun wurde vor kurzem ein weiterer ähnlich spektakulärer Block bekannt, ein 42er-Block der Penny Black, ebenfalls von Druckplatte 3. Hierbei handelt es sich um die linke obere Ecke des Druckbogens mit kompletten Seitenrändern, oben mit der Plattennummer 3. Im einzelnen besteht der Block aus sieben waagerechten Reihen zu je sechs Marken, also mit den Kontrollbuchstaben A bis G. Die Entdeckung dieses höchst ungewöhnlichen Blockes gab der italienische Berufsphilatelist und Verleger Signore Paolo Vaccari in seiner Zeitschrift Nr. 30 am 30. Oktober 2003 bekannt. Vaccari genießt in der Branche einen ausgezeichneten Ruf und er hatte eine lesenswerte Geschichte zu erzählen.
Der 43er-Block des Majors St. Maur
Denn einige Monate zuvor habe er von einem Rechtsanwalt eines europäischen Landes, den er auf einer seiner vielen Reisen einmal getroffen habe, einen Anruf erhalten. Dabei erzählte ihm dieser von einer großen ihm anvertrauten Erbschaft, die auch Marken enthalte. Es wurde bei diesem Gespräch vereinbart, dass Vaccari eine Begutachtung dieses in einem Banksafe lagernden Materials vornehmen solle. Bei der späteren Untersuchung stellte sich dann heraus, dass ein Teil des in großen alten Alben untergebrachten Materials nicht gerade in bester Qualität war, allerdings eine Reihe von Seltenheiten, z.B. Schweizer Kantonalmarken, enthielt, meist aber Marken der italienischen Staaten. Nach Angabe des Rechtsanwaltes sei das Material in einem Banksafe zwischen 1925 und 1930 hinterlegt worden. Als nun Vaccari seine Taxierung des Bestandes abgeben wollte, rückte der Rechtsanwalt noch mit der Information heraus, man habe noch ein weiteres Stück in dem Nachlass gefunden, nämlich einen 42er- Block der Penny Black. Bei dem Anblick dieses Stückes, so Vaccari, schoss ihm das Adrenalin durch das Blut. Seine Nachfrage, ob es Aufzeichnung mit Details über dessen Herkunft gäbe, konnte der Anwalt nur verneinen, so dass Vaccari diese auch nicht erhielt. Der Block war - im Gegensatz zu dem anderen Material - frisch und gut in der Erhaltung, der Gummi noch nahezu perfekt, es gab keine Brüche. Erwähnt sei nur ein von Vaccari entdeckter unwichtiger gelber Punkt auf der 18. Marke. Vaccari gelang es, den Block zu erwerben und er verkaufte ihn dann an einen erfahrenen Großbritannien-Sammler für 1,5 Mio. Euro. Auf Nachfrage erklärte sich der neue Besitzer - so eine Anfrage von „Gibbons Stamp Monthly“ an Vaccari - bereit, den Block auch näher prüfen zu lassen.
Vergleichende Aspekte
Der Autor hat seitdem alle möglichen Geschichten über diesen Block gehört und gelesen, wollte aber mit eigenen Augen bei dieser Vergleichsprüfung mit dem Imprimaturbogen der Platte 3 dabei sein. Außerdem beabsichtigte er, eine Illustration des 43er-Blocks, den Major St. Maur erworben hatte, zu finden, um auch von daher Erkenntnisse zu gewinnen. Mr. Douglas Muir, der Kurator Philatelie der Heritage Services der Royal Mail, war bereit, ihn dabei zu unterstützen. Bei einem Besuch konnte er ein Foto des Vaccari-Blocks mit der linken oberen Ecke des Imprimaturbogens vergleichen. Dieser Imprimaturbogen ist einer der Originalabzüge der Platte für die Penny Black, der zuerst im Somerset House, dem ehemaligen Sitz der Steuerverwaltung, hinterlegt war, da diese 1840 und später für Angelegenheiten der Royal Mail zuständig war. Heute sind diese Imprimaturbogen, wie schon gesagt, in den Händen der Royal Mail Heritage Services.
Das Foto des 42er-Blocks von Vaccari ähnelt sehr dem Imprimaturbogen, fast wie ein Ei dem anderen. Der auffallendste Unterschied ist wohl, dass der Imprimaturbogen irgendwann in der Vergangenheit einmal mit Wasser in Berührung gekommen sein muss, denn man sieht einige Wasserschäden, Verschmierungen, Flecken usw. Diese Wasserspuren sind nicht schwarz, sie sind dunkelbraun. Bei einem Vergleich mit dem Vaccari-Block ist festzustellen, dass einige dieser Spuren verschwunden sind, andere sind noch vorhanden, aber auf dem Foto des 42er- Blocks sind diese schwarz ! Der Imprimaturblock weist zudem einen weißen Bruch auf, der vom Haarknoten der Königin auf der Marke EA nach unten bis zum Buchstaben „E“ in PENNY auf der Marke FA darunter verläuft. Diesen weißen Bruch kann man ebenfalls auf dem Vaccari-Block gut identifizieren. Nun ist dieser Bruch eine Charakteristik des Imprimaturblocks, er erschien aber nicht auf anderen von der Platte 3 gedruckten Bogen. Auf der Marke EE des Imprimaturblocks entdeckt man auf der Wange der Königin einen braunen Fleck, der vom Auge bis zum Kinn reicht. Auf dem Vaccari-Block ist dieser ebenfalls zu sehen, aber in schwarz ! Es gibt eine Reihe anderer identischer Merkmale auf diesem 42er-Block, die den Spuren auf dem Imprimaturbogen vergleichbar sind.
Meinungen
Dies hat eine Reihe von Spezialisten zur Annahme bewegt, dieser Vaccari-Block sei eine „verbesserte“ Kopie der linken oberen Ecke des Imprimaturbogens. Es kursieren nämlich schwarzweiß-Fotos bei Philatelisten, die man auch käuflich erwerben konnte, die diese Möglichkeit nahe legen. Eine Möglichkeit ist nun aber kein Beweis, so dass es alleine von daher notwendig wäre, diesen 42er-Block sorgsam von Experten einer Prüfung zu unterziehen. Ähnlich denkt wohl auch Alberto Bolaffi, der Herausgeber der italienischen Zeitschrift „II Collezionista Francobolli“, der selbst eine hervorragende Sammlung Alt-Großbritanniens besitzt, darunter auch einen 15er-Block der Penny Black. Interessant ist, dass Bolaffis Zeitschrift diese Nachricht von dem Vaccari-Fund nicht veröffentlichte, es gab auch kein Bild oder einen Hinweis von dieser Rarität. Als nun Bolaffi von anderen italienischen Zeitschriften nach dem Grund für diese ungewöhnliche Zurückhaltung befragt wurde, erklärte er nur - wie man der Dezember-Nummer 2002 der „Cronaca Filatelica“ entnehmen kann -, dass solch ein Fund vom Expertenkomitee der Royal Philatelie Society oder der Brtish Philatelie Federation (BPF) geprüft werden müsse.
Der Autor erinnert sich auch noch an eine heftige Diskussion mit einem erfahrenen Großbritannien-Spezialhändler und Sammler, die er selbst führte. Dabei sagte dieser, dass das Ganze auch nur ein schlechter Witz, vielleicht gar ein PR- Trick, sein könne, um Publizität zu erhalten. Immerhin ist ja auch in Betracht zu ziehen, dass es mit den heute bestehenden Möglichkeiten kein großes Problem darstellt, einen solchen 42er-Block zu drucken, vorausgesetzt, man findet das richtige Papier mit dem WZ „Kleine Krone“. Und der Stammbaum? Man weiß bis heute nicht, aus welchem Land und aus welcher Stadt der mysteriöse Rechtsanwalt stammt. Man weiß nicht, wer der ursprüngliche Sammler oder Besitzer war, wer ihn in der Bank deponierte. Nur die Zeitangabe 1925 bis 1930 ist da wohl kaum ausreichend. Signore Vaccari verrät die Namen nicht, wenn er sie denn überhaupt weiß. Was bleibt also übrig? Ein Foto, eine nette Geschichte und eben der Name von Paolo Vaccari.
Otto Hornung
überarbeitet M. M.