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Ulrich Felzmann, seines Zeichen Auktionator in Düsseldorf, unternahm einen Praxis-Test. Mit schmalem Business-Koffer bewaffnet, tauchte er strahlend und mit verheißungsvollem Gesicht in der Redaktion philatelie in Schwalmtal auf, entnahm der Tasche vorsichtig, wie mit Glace-Handschuhen, einen Bogen einer l Mark-Marke von Memel und fragte: „Was fällt Ihnen auf ?“ — So, unerwartet auf Herz und Nieren gestestet, gab der Autor sein Bestes, was wohl sicherlich nicht genug war. Immerhin: irgendwie sahen die vor ihm liegenden l Mark- Marken aus Memel doch anders aus als er sie in Erinnerung hatte, aber sicher war er sich da nun wirklich nicht. - So beginnt die Geschichte, die wohl im nächsten MICHEL-Spezial mit einer neuen Katalognummer fortgesetzt wird. Mit im Spiel sind der bekannte Auktionator Ulrich Felzmann, dessen freier Mitarbeiter Markus Pichl und der Prüfer Prof. Dr. U. E. Klein, die hier mit verteilten Rollen die Deutschland-Philatelie um eine spektakuläre Neuentdeckung bereichern werden.

Eigentlich ist es eine bekannte Marke

Nicht jeder sammelt Memel. Aber nach dem Ersten Weltkrieg waren die Ausgaben dieses nördlich der Memel gelegenen Teiles des ehemaligen deutschen Ostpreußens bei Sammlern sehr beliebt. Die wechselhafte Geschichte dieses Gebietes ist dafür verantwortlich, denn aufgrund Artikel 99 des Versailler Vertrages vom 10. Januar 1920 wurde das Gebiet von 1920 bis 1923 von Frankreich verwaltet, anschließend Litauen eingegliedert, von 1939 bis 1945 gehörte es zum Deutschen Reich und heute wiederum zu Litauen. Die Franzosen realisierten das erteilte Völkerbundmandat ab 15. Februar 1920 und hatten dann das Problem, möglichst schnell die Versorgung der überwiegend deutschen Bevölkerung mit neuen Marken sicher zu stellen, damit eine autonome Verwaltung demonstriert werden konnte. Man griff hierzu auf vorhandene Postwertzeichen der Germania-Serie zurück, die dann mit einem Aufdruck „Memel-/gebiet“ (bzw. bei den großformatigen Markwerten mit „Memelgebiet“) überdruckt wurden.

Eigentlich muss man hier schon differenzieren, denn für diese Aufdruckausgaben – sie sind im MICHEL-Spezial unter der Katalognummer 1-17 bei Memel erfasst - wurden als Urmarken die ab 1915 erschienenen sog. „Kriegsdruck-Ausgaben“ verwendet. Diese im MICHEL-Spezial ab Mi.-Nr. 84 unter einer römischen II jeweils gekennzeichnete Serie unterscheidet sich von den schon zuvor ab 1905 herausgegebenen Marken der Serie I durch ihren verschwommenen, unklaren Druck auf stumpfen, rauem Papier. All dies wusste der erfahrene Mitarbeiter des Hauses Felzmann auch. Gerade deshalb schaute er zweimal hin, denn irgendwie war der Bogen der bekannten l Mark-Marke (Memel Mi.-Nr. 9) anders. War sein Blick schon getrübt oder sah er plötzlich klarer als er eigentlich sehen sollte? Dem Leser sei nur zwischendurch gesagt, dass diese Memel Mi.-Nr. 9 normalerweise auf der Deutsches Reich-Urmarke 94 B II entsprechend überdruckt wurde. Und diese hatte eben verschwommen zu sein. Seine Marke war aber alles andere als das. Außerdem, und das wusste er genau: die Mi.-Nr. 94 BII war in 20er-Bogen hergestellt worden, er aber hatte einen 50er-Bogen vor sich! Und dafür brauchte er nun wahrlich keine Brille!

Bei näherem Hinschauen entdeckte er noch weitere Merkmale, die ihn zu dem Schluss führten, das könne nun wirklich nicht die Mi.-Nr. 94 BII als Urmarke sein, die mit dem Überdruck versehen wurde, sondern nur die Mi.-Nr. Deutsches Reich. A 113a. Diese war tatsächlich in 50er-Bogen produziert worden. Der Katalog weist aus, dass diese Urmarken im Mai 1920 im Deutschen Reich erschienen, die mit „Memel“ überdruckten Marken kamen ab Anfang August 1920 an die Schalter. Das konnte also passen. Aber, aber, wer hatte je davon gehört, dass diese letzten Marken aus der Germania-Serie, die nach dem Ersten Weltkrieg erschien, von der Reichsdruckerei in Berlin für Memeler und nicht nur für Danzig- und Marienwerder-Mandatsausgaben genutzt worden seien? Es konnte sich ja eigentlich nur um eine Aufdruckfälschung handeln, oder ? Und richtig, irgendwie sah auch der untere Aufdruckplattenteil verglichen mit den Marken des oberen Bogenteils anders aus, ein wenig verkantet.

Ein unbekannter Probedruck ?

Es spricht wenig für die Vermutung, bei der neu aufgefundenen Marke handele es sich um einen Probedruck. Zum einen sind von Memeler Germaniamarken keine Probedrucke bekannt. Aller bis heute verfügbaren Kenntnis nach sind auch keine für welche Germania-Markenüberdrucke auch immer hergestellt worden, zum anderen werden Probedruckbogen nie mit Hausauftragsnummern versehen.
So bleibt als weitere Hypothese, es könne sich ja um eine damals nicht verausgabte Briefmarke handeln, also so um eine Art „Gscheidle-Marke“ neuerer Zeit, die aus welchen Gründen auch immer dann aber nicht in den Verkauf gelangt ist. Solche „Nicht-Verausgabten“ sind auf bisher für die Abstimmungsgebiete nicht benutzten Urmarken von Allenstein in größerer Zahl bekannt. Diese Annahme steht allerdings auch angesichts der niedrigen Hausauftragsnummer des Bogens sie ist die gleiche, die auch für das 20er-Auf-Druck-Klischee der bedruckten Urmarke DR Mi.-Nr. 94 B II verwendet wurde - auf mehr als wackligen Füßen. Sie entbehrt wirklich jeder Grundlage.

Bleibt die Unterstellung, es könne sich ja um eine Fälschung handeln. Immerhin sind Fälschungen des Memelaufdruckes auf der Urmarke DR Mi.-Nr. A 113 durchaus bekannt. Andererseits sind seit kurzem je ein Einzelstück der 60 Pf. und der 80 Pf. der Germania-Marken mit Memelgebiet-Überdruck literaturbekannt, die ebenfalls auf Kriegsdruck- Papier hergestellt wurden (Mi.-Nr. 92 IIa und Mi.-Nr. 93IIa). Sie wurden 1999 gefunden und konnten eindeutig identifiziert werden. Ist also diese l-Mark-Marke vielleicht doch echt?

Hier hilft nur der kompetente Prüfer!

Genau darüber war sich Ulrich Felzmann im Klaren, denn vom Einlieferer war nicht viel an Information zu erhalten. Nur so viel: Es handelte sich um einen größeren Bogenbestand, der als Nachlass lange Jahre im Ausland gelagert hatte, von einem deutschen Sammler gekauft und eingeliefert worden war. Vielleicht in der Annahme, dieses Material ist alles nicht viel wert. Und wer in den Katalog schaut, wird ja am Beispiel des bekannten 1-Mark-Bogens diese Aussage bestätigt finden: ein Katalogwert von 70c für eine postfrische Marke ergibt auch mal fünfzig gerechnet nicht gerade eine Quote, die einen zum Träumen veranlasst. Also wurde dieses „Fragezeichen“, sprich der Bogen, dem zuständigen Fachprüfer Prof. Dr. U. E. Klein zugeschickt. Dieser kennt sich ja in allen Finessen von Memel aus. Er weiß um die tausenden von Varianten, Abarten und Besonderheiten, die man gerade auch bei den 103 französischen Marken, die der Germania-Ausgabe folgten, finden kann, ist aber auch Experte für diese überdruckten Germaniamarken von Memel. Und so gab es bald einen zweiten, der seinen Augen nicht traute. Er hatte zwar schon Überdrucke auf der Urmarke A 113a DR vorliegen gehabt, bisher hatten sich diese Überdrucke aber, wie schon oben gesagt, immer als falsch erwiesen. Hier war es völlig anders! Vor ihm lag ein – wie er schreibt - „in nunmehr 84 Jahren Memel - Philatelie bisher unbekannt gebliebenes und nicht beschriebenes Unikat“, und zwar tatsächlich die Überdruckmarke auf der erst Anfang 1920 hergestellten Germania- Urmarke, die also auch mit dem echten Überdruck versehen war!

Klein beschreibt den Bogen als das „erste noch experimentelle Druckprodukt mit einem für Memel neuen Druck-Klischee“. Dieses neue Druckklischee ist zum einen nur einzeilig und umfasst nur 50 statt 100 Felder. Daher, so Klein, rührt dann auch die leichte Verkantung der unteren 25-feldrigen Klischeehälfte nach rechts. Die Identifikation der Urmarke ist eindeutig: zum einen durch die Hausauftragsnummern, natürlich auch durch die Bogengröße, aber zusätzlich durch bestimmte typische und allen Experten bekannte, sogar teilweise im MICHEL aufgeführten Feldmerkmale der Urmarke, die auch hier schnell zu identifizieren waren. Eindeutig identifizierbar war das für die echte Urmarke Mi.-Nr. A 113 typische Wasserzeichen und die Bogenfelder 12, 26 und 35 mit den entsprechenden katalogbekannten Plattenfehlern. Die im MICHEL katalogisierte Urmarke DR Mi.-Nr. 94 B II wurde im Stichtiefdruck hergestellt, das Markenbild zeigt keine Flaggen zwischen den Flügeltürmen des Reichspost- amtes Berlin. Im Vergleich dazu wurde die hier abweichend vorliegende Urmarke DR Mi.-Nr.  A 113 im Offsetdruck produziert und Flaggen sind zwischen den Flügeltürmen sichtbar.

Auch der Aufdruckvergleich war selbstredend: Gefälschte Aufdrucke sind meist in billigeren, heute gebräuchlichen Druckverfahren, z.B. dem Offsetdruck hergestellt. Solche Aufdrucke liegen auf der Oberfläche, schlagen nicht durch. Die echten Aufdrucke sind im Buchdruck, also statt in einem Flachdruckverfahren im Hochdruck produziert und schlagen in aller Regel leicht auf die Markenrückseite durch. Auch dieser Vergleich bestätigte die Echtheit. Damit war die Sensation erst einmal perfekt, der Auktionator aus dem Häuschen und einmal mehr bewiesen, dass es auch heute noch in der Philatelie spektakuläre Neuentdeckungen gibt. Was wohl auch den Einlieferer freuen wird, denn - ein Ausrufpreis war bei Redaktionsschluss zwar noch nicht bekannt -, aber es ist durchaus denkbar, dass die Einzelmarke später einmal statt mit 70c dann mit l .000 Euro im Katalog stehen könnte. Wenn das keine Gewinnmarge ist!

Keine Fälschung, vielleicht aber Makulatur ?

Diese Frage mag sich der Leser stellen, darum wissend, dass doch so manches aus der  Reichs- und späteren Bundesdruckerei verschwunden ist, was eigentlich dem Reißwolf  zugedacht war. Die Frage danach verneinte Prof. Klein energisch, denn im Gegensatz zur Makulatur, die auch von einzelnen Werten der Serie bekannt geworden ist (zu Memel Mi.-Nr. 10 gibt es hierzu einen ausdrücklichen Hinweis), hat dieser Bogen beide Hausauftragsnummern. Für Klein ist die Herstellung auch nachvollziehbar, denn wie er dem Autor erklärte, hat man wohl ursprünglich diese l-Mark-Marke mit Überdruck auf eben den neugedruckten l-Mark-Marken von 1920 (Mi.-Nr. A 113a) drucken wollen, sah dann, dass der Bestand von Urmarken zu gering war (er war wohl schon für Überdruckmarken von Danzig und Marienwerder verbraucht worden). So musste man auf die älteren „Kriegsmarken“-Bestände (20er-Bogen) zurückgreifen, nachdem man schon eine erste „Tranche“ mit diesem nun erst aufgefundenen 50 Marken-Bogen gedruckt hatte. Groß kann diese ja nicht gewesen sein, denn bis heute ist davon kein einziges Exemplar bekannt geworden. Klein hält einige Bogen für möglich. Dafür mag eine in der rechten oberen Bogenecke handschriftlich angebrachte Zählnummer „3“ sprechen, aber dies beweist letztlich weder die Zahl so produzierter Bogen noch die Möglichkeit, dass dieser Bogen diese Kennung am Schalter erhalten hat.

Der richtige Tipp zur richtigen Zeit

1921 schrieb ein ungenannter Sammler aus Memel in der „Sammler-Woche“ (Nr. 5, S. 38 bis 39): „Kein Sammler wird die Memelgebietsmarken schon wegen ihres historischen Wertes missen wollen. Man kann nur jedem Sammler raten, sie vorerst nicht abzustoßen“ und er wusste sogar: „Einige Restbestände sollen im Frühjahr meistbietend verkauft werden“. Diese Einsicht ist insofern interessant, weil sie zum einen zeigt, dass sich Sammler wie Händler damals durchaus auch in spekulativer Absicht mit solchen Marken bogenweise eingedeckt haben, aber auch deshalb, weil Prof. Klein guten Grund zur Annahme sieht, dass dieser Bogen - wie so vieles andere, was aber nie näher einzeln definiert wurde - tatsächlich bei der Postwertzeichen Versteigerung im August 1921 von den Franzosen versilbert wurde. Man muss dazu wissen, dass die Herstellung der Marken vom Deutschen Reich zu bezahlen war. Die Einnahmen aus der Versteigerung eben dieser Marken sackten die Franzosen aber ein, weil die Germania-Marken überflüssig wurden, da die ab dem 7. Juli eingeführten Überdruckmarken ausreichten. Und ähnlich wie bei den legendären Ferrari-Auktionen, bei denen ja auch Weltraritäten in zu lieblos und wenig kenntnisreich zusammengewürfelten Sammellosen geradezu verhökert wurden, schien damals diese französische (Un-)Sitte des Mengenverkaufes auch für diese Auktion zu gelten. Der ursprüngliche Besitzer ist dem Rat der „Sammler-Woche“ gefolgt. 84 Jahre später wird sich dieser Bestand in klingender goldiger Münze auszahlen. Wenn da keine Freude aufkommt, wann dann?

 

Wolfgang Maassen
überarbeitet  M. M.        

 

Literaturhinweis
J. W. Heinz Ludwig: Die Postmarken des Memelgebietes 1920-1925, 242 Seiten, Neuss 2004 Der Autor dankt dem Auktionshaus Ulrich Felzmann für die Originalvorlage des Fundes, Prof. Dr. U. E. Klein und Markus Pichl für zusätzliche fachliche Erläuterungen.