Dieser Beitrag ist vornehmlich als Exkurs über die thematische Philatelie gedacht. Der Leser möge mir die Freiheit verzeihen, in diesem Rahmen einen Sammelvorschlag zu machen, den der eine oder andere Thematikfunktionär als „nicht dazu gehörig“ empört zurückweisen wird. Gut, von ihren Statuten her haben die Puristen recht: Ansichtskarten, so sehr sie eine Sammlung auflockern oder optisch ergänzen mögen, sind „unphilatelistisches Beiwerk“ und daher für den Wettbewerb mit seinen strengen Regeln nicht zugelassen. Davon gibt es nur eine Ausnahme - als Frankatur muss statt einer Briefmarke ein eingedruckter Wertstempel vorhanden sein, dann wird aus dem „Un-Stück“ eine Ganzsache (egal ob staatlich oder privat verausgabt) und somit ein anerkannter Beleg. Zum Beweis: für die Regelkonformität pflegt der Medaillensammler, der ja nicht beide Seiten des Stücks gleichzeitig zeigen kann, die Anschriftenseite noch per - eigentlich ja auch verpönter - Fotokopie zu dokumentieren. Da die Masse der Sammler aber gar keine Ausstellungsgelüste hegt, sondern schlicht nach eigenem Gusto sammelt, ist das Sammeln solcher Ansichtskarten ein Volkssport geworden, und wenn man in die Ladengeschäfte der wenigen Spezialhändler hineingeht, wird man schnell den Eindruck gewinnen, dass jede Nur-Briefmarkenhandlung froh sein würde, wenn sie immer soviel Kunden - und mit ihnen soviel Umsatz – hätte.
Dabei ist die Ansichtskarte wesentlich jünger als die Briefmarke. Die Correspondenzkarte oder Postblatt, wie Heinrich von Stephan das neue Produkt nennen wollte, dessen Inhalt jeder Postbote mitlesen konnte, wurde erst 37 Jahre nach der ersten Briefmarke (und auch den ersten Mulready-Briefen) realisiert (der Österreicher Dr. Emanuel Hermann gilt heute nach langem Streit um die Urheberschaft als der eigentliche Erfinder), und bis man auf die geschäftsfördernde Idee kam, dass sich diese Karten, mit Ansichten oder Zeichnungen versehen, bestens verkaufen ließen, dauerte es nochmals Jahre.
Ansichtskarten kann man, wenn man sie sammeln will, nur eben nebeneinander aufreihen, ein Thema, wie bei den Briefmarken, systematisch bearbeiten kann man damit nicht. Die Entstehungsgeschichte des Münchener Oktoberfestes, z.B. sein Wandel vom Pferderennen zum Millionenfest, lässt sich mit Karten einfach nicht belegen. Sie können immer nur eine Momentaufnahme vom Entstehungsdatum der jeweiligen Grußkarte darstellen, und da macht sich das Fehlen der ersten hundert Jahre schon bemerkbar.
Erwin Münz hat zur 150-Jahr-Feier 1960 eine „Kleine Jubiläumschronik“ verfasst, aus der hier einige Passagen wesentlich interessanter sein dürften als die alljährlichen Mengen vertilgter Hektoliter, Bratochsen und verzehrtem Federvieh, oder der Zahl notwendiger Schläge des Oberbürgermeisters beim rituellen Anzapfen. Als Ursprung des Wies`n-Remmidemmis gilt unbestritten ein Pferderennen am 17. Oktober 1810 aus Anlass der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig von Bayern mit Prinzessin Therese von Sachsen. Vorgeschlagen wurde das Rennen von dem bürgerlichen Lohnkutscher Franz Baumgartner, genannt „Spanner“, und Unteroffizier in der Nationalgarde.
Dessen Kommandeur, Major Andreas Dell`Armi, der statt des „Spanners“ den Erfinderruhm einstrich, erhielt vom König die Genehmigung, „hinter dem neuen Spital bis an die Dorfstadt Sendling in einer Peripherie von Dreiviertelstunden, welche dreimal umritten wird und deren Mittelpunkt die Pferde in ihrem Lauf gesehen werden,“ eine Rennbahn errichten zu dürfen, für die übrigens die Kavallerie schon 200 Gulden gesammelt hatte.
Soweit die offizielle Historie. So gut wie nie erwähnt wird aber die Tatsache, dass auch dieses Hochzeits-Pferderennen schon seit fast 400 Jahren einen Vorläufer hatte: das Scharlachrennen. Erster Anlass dafür war wieder eine Fürstenhochzeit, zwischen Herzog Albrecht III. und einer Braunschweiger Prinzessin am 22. Januar 1437.
Albrecht hatte zwar vorher eine ganz andere - und Unstandesgemäße – heiraten wollen, nämlich die schöne Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer, doch die wurde zur Vermeidung dynastischen Unheils auf Befehl von Albrechts Vater in Straubing ertränkt, was übrigens noch heute den Erben des Professors Carl Orff prächtige Tantieme einnahmen verschafft. Der Siegespreis, ein Stück Scharlachtuch von 26 Ellen Länge, gab dem Rennen auch den Namen. Ältester Beleg ist eine Rennordnung aus dem Jahre 1437; danach wurde das Rennen jährlich – mit Ausnahme der Kriegszeiten - auf dem Jakobi-Jahrmarkt abgehalten. Irgendwann im 18. Jahrhundert zwangen wirtschaftliche Not zur Einstellung des Rennens, aber vergessen war die Tradition nicht.
Ein Ereignis zieht bald ein weiteres nach sich. 1817 kombinierte man mit dem Pferderennen erstmals eine Gewerbe- und Landmaschinenausstellung, aber der finanzielle Erfolg wollte mit der Ausweitung nicht Schritt halten; im Folgejahr 1818 verbuchten die Veranstalter ein Minus von 2.234 Gulden.
1833 ist ein erster früher Triumph der Emanzipation, die es ja noch gar nicht gab, zu vermelden; erstmals durften Damen, noch dazu im Rock, beim Pferderennen mitreiten. 1834 war der Besuch so stark, dass das Bier knapp wurde – ein Problem, dem man in der Folgezeit durch ausreichende Vorratshaltung abhalf. Vor allem der Auswärtsbesuch schwoll in den kommenden Jahren kräftig an. Schon 1840 verdankte man der neuen Eisenbahnlinie München-Augsburg ein erhebliches Besucherplus. Der Liter Sommerbier kostete fünf Kreuzer, zum Vergleich: ein Pfund Kalbfleisch elf Kreuzer und ein Maß guten Branntweins 36 Kreuzer.
1863, nur wenige Jahre vor Kriegerischen Ereignissen, die die Absage des Festes erzwangen, kam als neue Attraktion das erste Bayerische Schützenfest hinzu. Gerauft wurde auf dem Oktoberfest, das damals wirklich im Oktober begann und endete und erst viel später vorgezogen wurde, schon immer. Am letzten Festtag 1865 aber artete ein Streit zwischen zwei Burschen wegen einer Lappalie - einer weggeworfenen Rennnummer- fast zu einem Aufstand aus. Die Menge fiel über die Polizei her, der Polizeipräsident entkam nur knapp dem Verprügeltwerden. Die Prügelorgien setzten sich bis weit in die Innenstadt hinein fort, erst zwei Kavallerie- Schwadronen und drei Grenadierkompagnien konnten die Ruhe wieder herstellen. Es gab sechs Verwundete, 114 Verhaftungen, 19 Gerichtsverfahren. Ein Glück, dass damals die „Autonomen“ - oder Chaostage-Randalierer noch nicht erfunden waren.
1869 wurde das Hundehetzen neu ins Programm aufgenommen. 1870 war ein denkwürdiges Datum in der Verkehrsgeschichte. Für das Abstellen der Equipagen in Tribünennähe wurde eine Gebühr vorgeschlagen. Man darf das getrost als die segensreiche Erfindung der Parkgebühr in die Geschichtsbücher eintragen. 1871 wurde eine neue Biersorte kreiert – das Märzenbier. Neu war allerdings nur der Name, denn vom Gehalt her war es identisch mit dem bis dahin gebräuchlichen Sommer- oder Lagerbier. 1873 musste das Fest abgesagt werden, zur Abwechslung einmal nicht wegen kriegerischer Ereignisse, sondern wegen der in München wütenden Cholera.
1881 wurde eine neue Ochsen- und Hühnerbraterei errichtet. 1895 wurde mit dem erstmalig durchgeführten Volkstrachtenzug, der rund l .000 Teilnehmer zählte, eine neue Tradition begründet. Trank man sein Bier bislang in und vor ziemlich mickrigen Buden, wurde 1896 von Schottenhamel die erste Bierhalle erbaut, die aber noch keineswegs heutige Ausmaße hatte. In der Hauschronik wurde vermerkt, dass sechs (!) Kellnerinnen gleichzeitig bedienten. 1906 wurde erstmalig seit der Jahrhundertwende der Bierpreis angehoben. Die Erhöhung betrug zwei Pfennige.
1907 wurden vier neue Festhallen erbaut, man schmückte sich erstmals mit dem Titel „Größtes Volksfest der Welt“. 1921 gab es erstmalig nach dem Weltkrieg ein „richtiges“ Oktoberfest. Man zählte 30.000 Besucher. 15.000 Hektoliter Bier wurden verkauft, fünf Millionen Brote und Brezeln, 30 Ochsen starben, um am Spieß gebraten zu werden.
Die neueste Zeit steht unter dem Schatten des Terrors. 1980 traf er die Wies`n selbst. Ein wirrer Neonazi zündete am Haupteingang einen Sprengkörper, das furchtbare Ergebnis:13 Tote und eine Vielzahl Schwer- und Schwerstverletzte. Das Volksfest legte einen Trauertag ein; dass die Restzeit mit gedrückter Stimmung verlief, war verständlich.
2001, elf Tage vor der Eröffnung, begingen Selbstmordattentäter in New York und Washington die die Welt erschütternden Terroranschläge. Viele forderten die völlige Absage des nicht in die Stimmung passenden Volksfestes. Nun, die Wies`n fand statt, mit viel Polizei, Videoüberwachung, Sprengstoffsuchhunden in den Bierhallen und Handgepäck-durchsuchungen; am schlimmsten aber, die Münchner Kinder blieben aus. Am Ende brachte man die traurige Wies`n noch hinter sich, mit beträchtlichen Minuszahlen bei Besuchern, Verzehr- und Schaustellereinnahmen.
Seitdem hat sich die Wies`n stark gewandelt, nicht immer wie die Älteren meinen - zu ihrem Vorteil. Wurde 1907 eine Bierpreiserhöhung nur unter Protest hingenommen, hat man sich heute an Steigerungen um ehemals eine Mark, heute eher ein Euro, jährlich längst gewöhnt; wer die ganze Familie ausführen will, kommt mit einem Hunderter nicht weit. Die Fahrgeschäfte überbieten sich mit High-Tech-Nervenkitzel. Von den traditionellen Vergnügungen hat gerade noch der Toboggan überlebt. Krinoline und Kettenkarussell kämpfen gegen immer höher und schnellere Rasantbahnen um ihre Existenz, wenn sie nicht schon lange auf moderne Nervenkitzel umgestellt haben. Aufgeben musste schon vor langem der vielleicht vergnüglichste Spaßtempel - das Velodrom. Auf den verrücktesten Formen von Fahrrädern, darunter Hochräder aus der Anfangszeit dieses Sports, konnte, wer Mut hatte (und das waren viele) sich auf eine Drehscheibe wagen und versuchen, gegen die Tücken des Objektes im Sattel zu bleiben, was nur höchst selten jemals einem der mutigen Pedalritter gelang. Selbst der berühmte Flieger Ernst Udet, erprobter Testpilot, verlor unter dem Johlen des Publikums, das sich für seine 50 Pfennige Eintrittsgeld stundenlang amüsierte, den Kampf gegen die Drehscheibe.
Das Zuschauen vor den Schaustellergeschäften, das Anhören der Anpreisungen aus der Blechtüte - später erst vom Handmikrofon abgelöst - war ein weiteres kostenloses Vergnügen, das letztendlich den auf Einnahmen angewiesenen Veranstaltern die Existenz kostete. Die Anpreisungen und Kurz-Zurschaustellungen der für jenseits des Kassenhäuschens versprochenen Sensationen wie Menschenfresser, Löwenweib, Dame ohne Unterleib oder Marsmädchen waren ebenso umlagert wie die Herrenreiter als Anpreiser vor dem Hippodrom oder der Vogel-Jakob.
Vieles aus dieser längst vergangenen Zeit, als die Wies`n noch ein wirkliches Volks- und noch kein Neppfest war, spiegelt sich beim Betrachten der alten Ansichtskarten wieder, für die Sammler heute Beträge zahlen, mit denen sie ein paar freigiebige Stunden in der Bierhalle (allerdings nicht beim Austern- und Sektschlürfen bei Käfer) zubringen könnten. Ganz menschlich gesehen: eines der am meisten gekauften Ansichtskartenmotive der Wies`n ist der zu den Toilettenwagen wegweisende Bogenschütze auf dem Töpfchen „Dort kann man, wenn man muss“; Müssen muss schließlich jeder einmal.
Für Spezialisten gäbe es übrigens noch eine Art Sammelsport, für die lebenslängliches Freibier in einer der für Großkopferte reservierten Boxen (ein Königszelt gibt es seit der Revolution 1918 nicht mehr und auch an ein „Führerzelt“ für den Antialkoholiker vom Tausendjährigen Reich - so gerne seine Paladine auch soffen - wurde nie ein Gedanke verschwendet) ein würdiger Preis wäre. Seit 1902 gibt es all jährlich einen Wies`n- Sonderpoststempel.
In den ersten zwei Jahren musste man dafür noch einen Abstecher ins Bahnpostamt an der Hopfenstraße machen, seit 1904 war die Post mit einem eigenen Pavillon auf dem Festgelände direkt präsent; Die Stempel eines jeden Jahres zusammenzutragen (am besten noch auf Wies`n-Ansichtskarten) erscheint auf den ersten Blick ein fast unmögliches Unterfangen, und wer sich wirklich drantraut, wird an der Komplettierung ein Leben lang zu knabbern haben.
Karl. B. Karg, dessen Katalogwerk „Münchener Stadtpoststempel 1888 bis 1984“ dabei unentbehrlich sein wird, hat schließlich auf die Unterlagen der Postarchive zurückgreifen können, was, wenn man einmal den Zugang geschafft hat, wesentlich einfacher ist als die Jagd nach den Belegen.
Horst Hamann
überarbeitet M. M.
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