Mehrfachfrankaturen: Berliner Mittelklasse

Wer regelmäßig aufmerksam die Briefe-Abteilungen in Auktionskatalogen und Händlerangeboten durchsieht, der kommt nicht umhin festzustellen, dass reine portogerechte Mehrfachfrankaturen mit Berliner Sondermarken wesentlich sporadischer zu haben sind, als vergleichbare Belege mit Sondermarkenfrankaturen der Bundesrepublik. Das gilt auch für spezialisierte Bedarfspostauktionen und betrifft im Wesentlichen Mehrfachfrankaturen aller Berliner Markenzeiträume. Einige Gründe für diesen Befund liegen auf der Hand, einige andere sind weniger offensichtlich, dafür eher unerquicklich. Für das Folgende wollen wir uns zunächst konzentrieren, und das heißt ja nur: unser Blickfeld begrenzen. Es soll erstens nur um Berliner Mehrfachfrankaturen (im folgenden „MeF“) gehen, zweitens nur um MeF mit Berliner Sondermarken und drittens nur um solche Ausgaben, die der Titel dieses Beitrags etwas summarisch als die „Mittelklasse“ bezeichnet. Gemeint sind damit, grob gesprochen, die Berliner Sondermarken aus den Jahren 1951 bis circa 1957. Ausgeschlossen sind damit die ganz frühen Berliner Sondermarken (etwa „Stephan“, „Goethe“, „Währungsgeschädigte“, „Philharmonie“), deren Preise für portogerecht verklebte MeF das Budget der meisten Sammler recht schnell überschreiten. Aber auch die „kleineren“ Sondermarkenwerte späterer Jahre, unter deren MeF sich durchaus auch ausgemachte Portostufen-Seltenheiten befinden können, sollen an dieser Stelle nicht näher betrachtet werden.

Wir richten unser Augenmerk also vornehmlich auf die so definierte „Mittelklasse“, die Sonderausgaben aus den sieben angegebenen Jahrgängen in den Fünfzigern (Mi.-Nr. 74 bis 178), unter denen sich insgesamt ca. 80 verschiedene Sondermarken finden. Mehrfach-frankaturen dieser Sondermarken liegen, sofern wir von bestimmten ganz ausgefallenen Portostufen absehen, preislich allermeist in einem Bereich (zwischen 10 und etwa 400 Euro), der der Mehrzahl der Sammler durchaus zugänglich ist. Sichten wir aber Auktions- und Handelsangebote nach portorichtigen MeF dieser Sondermarken, dann stellen wir fest: anders als bei Bund-Frankaturen des gleichen Zeitraums, gibt es bei Berlin wirklich nicht sehr viel, an dem unser Auge unter den genannten Kriterien hängen bliebe – und zwar noch weniger als man anhand der unterschiedlichen Auflagenhöhen erwarten würde. Die Gründe dafür sind vielfältig und mehrheitlich auch nicht spektakulär.

Unerwartet wenige Berliner Sondermarken-MeF

Zum einen waren, wie ein Blick in den Katalog sofort verrät, die Auflagen bundesdeutscher Sondermarken stets deutlich höher als die der vergleichbaren zeitnahen Berliner Sonder-Ausgaben. Das gilt praktisch ohne Ausnahme. Von der Bund-Ausgabe „Bundesjugendplan“ vom Sommer 1952 (Mi.-Nr. 153 bis 154) gab es z.B. 1,5 Millionen Sätze, von der fast zeitgleichen Berliner „Vorolympiade“ (Mi.-Nr. 88 bis 90) nur eine halbe Million; die bundesdeutsche Philipp-Reis-Marke vom Oktober 1952 (Mi.-Nr. 161) wurde in fünf Millionen Exemplaren aufgelegt, die ein halbes Jahr altere Berliner Beethoven-Marke (Mi.-Nr. 87) nur in einer Million Stück usw. Die absoluten Mengen der für die Anfertigung portogerechter MeF verfügbaren Berliner Marken waren mithin deutlich geringer als bei Bund. Die niedrigeren Auflagen sind, zweitens, ohne Zweifel dem Umstand geschuldet, dass der geschätzte postalische Bedarf für Berliner (Sonder-)Marken wesentlich geringer war als der für die bundesdeutschen Ausgaben. Und auch die postseitig an Sammler absetzbaren Mengen waren selbstverständlich kleiner, denn es gab und gibt deutlich weniger Berlin- als Bund- sammle. Jedoch: Es liegen zwar keine verlässlichen Statistiken darüber vor, aber man wird getrost davon ausgehen dürfen, dass dennoch der Prozentsatz postfrischer Berliner Marken, die gleich nach Ausgabe, unmittelbar oder über den Handel vermittelt, in Briefmarken-sammlungen verschwunden sind, ungleich höher war als der vergleichbarer westdeutscher Sondermarken. Gerade die Berliner Ausgaben, die in die Hände bundesdeutscher Sammler gerieten, waren in den seltensten Fällen dazu bestimmt, auf Briefe geklebt zu werden. Das heißt aber, dass nicht nur die absoluten, sondern auch die relativ für Mehrfachfrankaturen verfügbaren Mengen bei Berliner Sondermarken geringer waren als bei Bund.

Damit wird, drittens, auch verständlich, warum - selbst, angesichts der relativen Mengen-unterschiede - Berliner Sondermarken weit seltener auf Geschäfts- oder sonstiger Bedarfspost verwendet worden sind als die Sondermarken der Bundespost. Berliner Sondermarken auf Bedarfspost stammen fast ausschließlich aus Berlin selbst. Waren die Berliner Marken einmal im Bundesgebiet, blieben sie entweder postfrisch oder sie wurden gleich gestempelt von der Versandstelle bezogen bzw. mit westdeutschen Gefälligkeitsabstempelungen in Alben wegsortiert.

Sammlerische Frankatur-Unsitten

Viertens mussten, sowohl in Berlin selbst als auch in Westdeutschland, die vergleichsweise wenigen Marken, die tatsächlich doch auf Briefen endeten, zur Fertigung so genannter „philatelistisch motivierter Belege“, also von Sammlerbriefen, herhalten. Hier herrschten in den Fünfziger Jahren einige ausgesprochene Frankatur-Unsitten, die auch heute noch nicht ganz aus der Mode sind. Was in den Fünfzigern alles so munter hinfrankiert wurde, kann man heute eigentlich nur noch als mutwillige Geldvernichtung betrachten. Und, mit Verlaub, das hätte man, auch wenn philatelistische Moden sich ändern, damals schon besser wissen können. Die wenigsten haben sich darum geschert, dass man ein 80-Pfg.-Porto attraktiv, philatelistisch sinnvoll und im Sinne postalischer Alltagspraxis vernünftig beispielsweise mit zwei „Glocken“-Werten zu je 40 Pfg. hätte frankieren können. Oder mit vier Marken zu 20 Pfg. Stattdessen haben Schlaumeier ohne philatelistischen Verstand vier 20er aus vier unterschiedlichen Ausgaben verklebt. Hauptsache schön bunt und bloß nicht zweimal dasselbe! So ziemlich alles, das sich wild durcheinander frankieren ließ, einschließlich Gebiets-Mischfrankaturen zwischen Bund und Berlin (und ggf. auch noch Bizone und Französische Zone dazu), erhielt den Vorzug vor dem Nahe liegenden und philatelistisch und postalisch Vernünftigen. Und selbst zu Zeiten knapperer Geldbeutel als heute war es offenbar nicht weiter tragisch, wenn 10, 20 oder 50 Pfg. zuviel auf einem Brief klebten.

Dem Verfasser liegt ein Berliner Ortsbrief aus dem Jahr 1953 vor (Tarifporto 10 Pfg.), den eine „Frankatur“ von mehr als 4 Mark mit 17 Werten aus elf verschiedenen Ausgaben ziert. Dazu den Aufkleber „Sammlermarken“ und den handschriftlichen Hinweis „Wertvolle Frankatur. Unbedingt zurück!“ Solche Belege, von philatelistisch Unbedarften gefertigt, mag man kopfschüttelnd oder ärgerlich zur Seite legen. Aber sie sind bei weitem nicht die Mehrheit. Die meisten der beschriebenen Frankaturen stammen von den mutmaßlichen „Fachleuten“, den Sammlern selbst, sogar von Händlern und anderen Berufsphilatelisten, die Brieffreimachungen solcher Art für „philatelistische Dokumentationen“ gehalten haben (und bisweilen noch halten). Da ist man schon für jede schlichte Berlin-Frankatur dankbar, die mit gleichen Werten als MeF freigemacht und auch in Berlin selbst zur Post gegeben worden ist. Es sind im übrigen nicht mehr nur die einst gescholtenen Puristen, die darauf bestehen, dass Postsendungen mit Berlin-Marken auch Berliner Stempel zu tragen hätten. Westdeutsche Verwendungen Berliner Marken werden - auch bei portogerechter Freimachung - inzwischen meist mit preislichen Abschlägen gehandelt.

Solide Zukunft

So ärgerlich bis unbegreiflich manche ehemaligen oder heurigen Freimachungsgewohnheiten auch sein mögen - sie haben dazu geführt, dass Berliner Mehrfachfrankaturen der „Mittelklasse“ alles andere als Massenware sind. Sie verdienen besondere Aufmerksamkeit, eben weil es so vergleichsweise wenige Belege gibt, die nachvollziehbare Mindestanforderungen erfüllen. Die hier in den Texten genannten Handelspreise sind noch relativ zurückhaltend geschätzt. Seit die Berliner Briefesammler gemerkt haben, wie wenig gutes Material es wirklich gibt, zeigen die Preispfeile merklich nach oben. Unerwarteter Nachschub in nennenswerten Mengen ist nicht zu befürchten. Wer jetzt überlegt, ob er nicht in das spannende Sammelgebiet Berliner Mehrfachfrankaturen einsteigen solle, ist gut beraten, seine Entscheidung nicht lange hinauszuzögern.

 

Gerd H. Hövelmann
überarbeitet  M. M.     

(C) 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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