Der Aufruhr ist seit Wochen gewaltig. Auch jetzt noch gibt es im Skandal um spanische Geldanlagemodelle mit Briefmarken täglich Neues: Enthüllungen, Beschuldigungen, Dementis, Rücktritte, transatlantische Verpflechtungen, Aufregung allenthalben. Fast aus dem Blick geraten sind darüber die eigentlich philatelie-nahen Fragen. Nicht zuletzt: Welche Rolle haben bei all dem die Europa/CEPT-Briefmarken gespielt? Und was wird aus ihnen?
Eben diesen Fragen wollen wir hier sowie in mehreren Folgebeiträgen genauer nachgehen. Dazu wird es einerseits (und zunächst auch in erster Linie) erforderlich sein, sich klar zu machen, welche Funktion die Europa/CEPT-Ausgaben und ihre sehr eigentümliche Preiskarriere während der vergangenen Jahre im Anlagesystem der beiden spanischen Unternehmen Afinsa und Forum Filatelico eigentlich gespielt haben. An späterer Stelle wird dann unter anderem untersucht werden müssen, weshalb und auf welche Weise sich gerade diese Ausgaben für ein betrügerisches Anlagesystem besonders empfohlen haben, mit welchen preislichen Reaktionen der Markt auf die Vorgänge in Südwesteuropa reagieren wird, und welche Konsequenzen sich daraus sowohl für die einschlägigen Katalogbewertungen und -gestaltungen als auch für den künftigen CEPT-Handel und das philatelistische Sammlungsthema „Europäische Gemeinschaftsausgaben“ insgesamt ergeben werden.
Ausmaße eines Anlageskandals
Die Dimensionen des Betrugs und des Schadens, den die beiden spanischen Unternehmen Afinsa und Forum Filatelico mit ihren unseriösen Pyramidensystemen der Geldanlage in - oft nur vermeintliche - Briefmarkenwerte angerichtet haben, sind in der Tat geradezu monströs. Von 350 000 geschädigten Anlegern in Spanien und 20 000 weiteren in Portugal ist die Rede. Viele von ihnen sind vermutlich um ihre gesamten Ersparnisse geprellt worden. Die Schadenssumme wird von Spaniens Behörden weiterhin grob auf 3,5 bis 5,2 Milliarden Euro geschätzt. Dabei sind weiter gehende wirtschaftliche Folgeschäden durch Imageverluste der Briefmarke und des Sammelns einstweilen weniger Gegenstand des Wissens als der Mutmaßung und Spekulation.
Die Anlagesysteme, die Afinsa und Forum betrieben haben, sind weitgehend identisch: In großen Stückzahlen verfügbare Briefmarken - darunter nicht alleine, aber insbesondere die Europa/CEPT-Ausgaben - wurden zu weit überhöhten Kursen als Anlageobjekte mit Wertsteigerungsgarantie an zahllose Kleinanleger verkauft. Die zugesicherte Rendite von zwischen 6% und 10% pro Jahr liegt etwa beim Doppelten dessen, was bei konservativer Anlage im Bankgeschäft zu erzielen gewesen wäre - attraktiv, zumal in einem Land mit einer der höchsten Schwarzgeld-Dichten in Europa, aber auch wieder nicht so spektakulär, dass es auf der Stelle Verdacht erregt hätte. Diese Renditen wurden über Jahre auch zuverlässig ausgezahlt, allerdings gerade nicht aus erwirtschafteten Gewinnen, sondern aus den Anlagebeträgen, die immer neue arglose Investoren in das System einzahlten. Bei einem solchen Pyramiden- oder Schneeballsystem können Betreiber und ggf. wenige frühe Anleger hohe Gewinne erzielen, während nachfolgende neue Kunden solange die Zeche zahlen, bis das ganze Kartenhaus mangels weiteren Geld-Nachschubs unter dem Gewicht angehäufter Verbindlichkeiten in sich zusammenstürzt. In den meisten Fällen haben die philateliefremden Anleger die ihnen zugerechneten Marken ohnehin nie zu Gesicht bekommen. Vielmehr wurden diese in „Gratisdepots“ in den Tresoren der beiden Unternehmen für die Kunden aufbewahrt. Die Marken selbst wurden den Anlegern im übrigen nicht zu den marktüblichen Bewertungen, sondern zu irrwitzig überzogenen Kursen angerechnet, die nicht selten beim Zehnfachen der ohnedies durch immer weitere Zukäufe inflationär aufgeblasenen Katalognotierungen lagen. Welche Ausmaße dieser Anlageskandal hat, wird vielleicht dann besonders deutlich, wenn man die zuvor genannten Zahlen in die rechte Perspektive setzt. 350 000 betrogene spanische Anleger sind nämlich knapp l Prozent der Bevölkerung des Landes; und selbst die konservativ geschätzte Schadenssumme von 3,5 Mrd. Euro übertrifft die Höhe des Staatshaushaltes manches Drittweltlandes (Äthiopien aktuell z.B. 3,2 Mrd. Euro). - Und all das mit Briefmarken? Nicht unmittelbar.
Die Konstruktion von Anlageobjekten
Denn die eigentlichen, mutmaßlich werthaltigen Anlageobjekte spielen in derartigen Anlagesystemen eine eher untergeordnete Rolle, solange den mit wenig eigener Sachkunde gesegneten Investoren aus einer Massenklientel nur dauerhaft plausibel gemacht werden kann, dass diese Objekte nicht nur wertstabil sind, sondern mindestens mittelfristig auch Renditen abwerfen. Es hätten also nicht unbedingt Briefmarken sein müssen. Diese haben jedoch den Vorzug, dass Anlagewillige von ihnen meist wenig wissen, ihnen aber vieles zutrauen. Zumal dann, wenn augenscheinlich prosperierende Unternehmen bereit sind, mit ihren „guten Namen“ für Anlagesicherheit zu bürgen. Warum aber ausgerechnet die Europa/CEPT-Marken? Nun, es gibt ein nicht übermäßig pfiffiges, aber massenwirksames und in der Vergangenheit bereits mehrfach bewährtes Rezept für denjenigen, der entschlossen ist, ein Marktspektakel mit Briefmarken zu veranstalten.
Man wähle zunächst in hohen Stückzahlen und zumindest anfangs relativ kostengünstig beschaffbare philatelistische Objekte aus. Charles Ponzi hat ein vergleichbares System im Jahr 1920 in den USA anhand Internationaler Antwortscheine aufgezogen – eine überaus lehrreiche Geschichte. In den 70er Jahren wurde bei uns der blaue Heinemann-Dauerwert zu 50 Pfg. (Bund Mi.-Nr. 640) von Spekulanten mit einem Investitionsvolumen von einigen Millionen D-Mark gezielt vom Markt gekauft. Die Katalogbewertungen für diese Marke stiegen damals in kurzer Zeit von wenigen Groschen bis auf 50 DM, bevor die Marken gewinnträchtig auf den Sammlermarkt zurückgeführt wurden und die Preise wieder einbrachen. CEPT-Sammlungen boten sich für ein ähnliches Verfahren in idealer Weise an. Vor einem guten Dutzend Jahren war eine postfrische Komplettsammlung dieses Gebiets ab 1956 auf dem Markt für 1000 DM kaum verkäuflich; zuletzt, im Frühjahr 2006, erzielte sie bei Auktionen mit bisweilen mehr als 6500 Euro locker das Dreizehnfache. Prinzipielle Verfügbarkeit ist jedoch - neben einer ausgefeilten Beschaffungslogistik - nicht das einzige Auswahlkriterium. Vielmehr muss hinzukommen, dass die Marken, die für ein derartiges Anlagesystem in Frage kommen, einen besonderen Nymbus haben sollten. Bei den CEPT-Gemeinschaftsausgaben ist gerade dies der Fall, symbolisieren sie doch europäischen Einigungs- und Verständigungswillen, Friedfertigkeit und schon motivlich eine symbolische Geschlossenheit. Kann es Harmloseres, Unverdächtigeres geben? Zudem versprachen (und hielten) die vielen neuen Staaten -im europäischen Osten eine Ausweitung des Gebiets mit ständigem, billig beschaffbarem Materialnachschub. Ideales Markenmaterial für ein Anlagesystem mit fataler Pyramidenstruktur.
Zwei Herzen in der Philatelisten-Brust
Professionelle Marktbeobachter und erfahrene Sammler und Händler haben den Anlage- und auch den CEPT-Crash, der nun nicht nur die iberische Halbinsel erschüttert, natürlich kommen sehen. Die philatelistische Fachpresse hat frühzeitig auf die Gefahren der in Spanien betriebenen unseriösen Anlagesysteme hingewiesen. Jeder, der wissen wollte, auf welches Desaster das Ganze zulaufen würde, hatte Gelegenheit, es zu erfahren, sofern ihm die Problematik nicht bereits selbst einsichtig war. Andererseits: Viele haben hierzulande sehenden Auges selbstverständlich und sehr beträchtlich vom lange anhaltenden, wenn auch künstlich genährten CEPT-Boom profitiert; nicht zuletzt ehemalige CEPT-Sammler, die für ihre einst schwer abzusetzenden Kollektionen plötzlich von Monat zu Monat steigende Beträge geboten bekamen. Ein CEPT-Bestand, der zuvor kaum Interesse geweckt hätte, war unversehens geeignet, einen längeren Familienurlaub zu finanzieren - dorthin, wo jetzt die Marken sind.
Gerd H. Hövelmann überarbeitet M. M. BMS-Interview:
Gespräch mit dem Handel
Der deutsche Markenhandel sieht sich durch den spanischen Anlagebetrug nicht in Mitleidenschaft gezogen und setzt auf Beratung der Sammler sowie Freude an der gesamten Philatelie. Anlässlich einer Pressekonferenz des Auktionshauses Köhler am 12. Juni befragte die BMS-Redaktion den Präsidenten des APHV (Händlerverband), Herrn Carl-Heinz Schulz, zum aktuellen Anlass:
Was kommt Ihnen jetzt bei Anlagegeschäften „spanisch“ vor?
Das, was aus Spanien zu uns dringt, kommt mir nicht unbedingt spanisch vor. Die Sache ist zum Glück nicht in Deutschland passiert, wobei hier vor 40 Jahren in allerdings kleinerem Rahmen etwas durchaus Vergleichbares geschehen konnte.
Darf die deutsche Philatelie jetzt alles beschwichtigen, als sei gar nichts geschehen?
Ich habe immer gesagt, dass sich philatelistisches Material nur sehr begrenzt als Anlageobjekt eignet - diese Einschätzung hat sich hier einmal mehr bewahrheitet. Natürlich darf man nicht so tun, als sei nichts geschehen. Diesen spanischen Skandal als Lappalie hinzustellen, wäre also beschwichtigend. Andererseits kann man bei genauer Beobachtung des europäischen Marktes feststellen, dass dieser in seiner Gesamtheit von den Vorkommnissen nahezu unbeeindruckt reagiert. Das eigentliche Sammeln von Briefmarken ist ja auch meilenweit von diesen Anlageaktivitäten entfernt.
Haben die reinen Spekulanten jetzt einen Denkzettel bekommen?
Davon gehe ich für die nächste Zukunft aus! Nehmen wir konkret das Beispiel CEPT, und darum geht es ja hier vor allem. Die Nachfrage von Sammlerseite war in den letzten zehn Jahren im Fachhandel minimal, weil dem Sammelgebiet speziell durch die Ost-Erweiterung in den 90er- Jahren zahlreiche kaufkräftige Philatelisten abhanden gekommen waren. Die exorbitanten Preisentwicklungen hatten also effektiv nichts mit einer regulären Marktnachfrage zu tun.
Wenn wir uns erinnern, wurde eine komplette CEPT-Europa-Sammlung (postfrisch und einwandfrei) vor etwa zehn Jahren mit 500 DM angekauft. Es war doch völlig ungesund, dass dieser „Wert“ bis zum April dieses Jahres auf annähernd 5000 Euro (also um das 20-fache) hochgeschnellt war. Ein weiterer Kommentar erübrigt sich wohl.
Das Gespräch führte BMS-Redakteur Eberhard Cölle.
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