Die Hitlermarken von Großbritannien

Kriegspropagandamarken, so ein gängiger Begriff, sind ein Spezialgebiet, das bis heute vielfach noch geheimnisumwittert ist. Es ist der Verdienst von Wolfgang Baldus aus München, vor einigen Jahren die schon Jahrzehnte alten Studien von Joachim Hosang und  L. N. Williams in einer Form aktualisiert und in zwei umfangreichen Bänden mit neuen Forschungsergebnissen präsentiert zu haben, wie es zuvor nicht bekannt war. Dennoch gibt es immer wieder neue Funde, wie Peter Rickenback aus England zu berichten weiß. Seine persönlich gefasste Geschichte ist ein Beweis, dass heute wie in Zukunft noch so manches Rätsel - nicht nur bei den Kriegspropagandaausgaben - zu entschlüsseln sein wird. Allerdings auch ein Beweis dafür, dass nicht alles echt ist, was auf den ersten Blick so aussehen mag.

Im Juli 1978 erhielten Buchhändler in England ein kleines braunes Kuvert. Innen fanden sie ein Briefmarkenheftchen, das Hitlermarken mit einer Gesamtnominale von 2sh 6d enthielt. Das Heftchen bestand aus drei einzelnen Heftchenblättern zu je sechs Marken der Wertstufen 1/2 d, 2 d und 2 1/2 d. Außerdem war eine Ansichtspostkarte dabei, die Hitler bei der Siegesparade deutscher Truppen in Whitehall, der Hauptregierungsstraße Londons, am 20. April 1941 zeigte. Erst nach genauerer Betrachtung der Zwischenblätter ließ sich erkennen, dass es sich bei diesem Heftchen um eine Verlagsreklame für das Buch von Len Deighton „SS-GB“ handelte, welches am 24. August 1978 erscheinen sollte. Eric Watson von der Firma Bookcentre in Hoddeshon gab mir ein solches Kuvert mit vollständigem Inhalt und meinte: „Ich glaube, Du interessierst Dich für solchen Kram“.

Fälschungen oder Propagandamarken?

Ein Londoner Händler wurde vor kurzem gefragt, was er für den in der zweiten Abbildung gezeigten Bogen zahlen würde. Die Marken sind als 18er-Block in einem erheblich größeren Bogen gedruckt und zeigen drei Wertstufen einer Hitlermarke mit der jeweiligen Inschrift: „SS/GB POSTAGE REVENUE“. Im Vergleich zu der britischen König Georg VI.-Ausgabe von 1941 sind sie in helleren Farben gehalten, der 1/2 p-Wert in hellgrün, die 2 p-Marke in hell orange- und die 2 1/2 p-Marke in ultramarin-Farbe, jeweils mit Kammzähnung 14. Der Besitzer dieser Marken war nicht bereit, Informationen über deren Herkunft zu erteilen, wohl aber gab er dem Händler eine Fotokopie mit, auch wenn sie sich nicht über den Preis einig werden konnten.

Damit stellt sich seitdem die Frage, aus welchen Gründen diese Ausgabe gefertigt wurde und wer der Urheber war, denn eines ist klar: bei den Marken, wenn es denn welche sind, handelt es sich um ein qualitativ gutes Druckprodukt, das auch entsprechende Kosten verursacht hat. Ist es nun tatsächlich eine deutsche Propagandaausgabe oder vielleicht nur eine Schwindelausgabe? Auch, wenn ich noch nicht alle Hintergründe kenne - wer mehr weiß, ist gerne aufgerufen, mir Fakten zur Verfügung zu stellen -, möchte ich hier einmal mitteilen, was bisher ausfindig zu machen war.

SS-GB

Mancher Leser, der mich kennt, wird sich erinnern, dass ich auch den Randgebieten deutscher Philatelie stets großes Interesse entgegengebracht habe. Für mich fängt wirkliche Philatelie erst da an, wo der Katalog aufhört. Dazu passt das folgende Erlebnis. Ende der 70er-Jahre erhielt ich von einem australischen Buchhändler in London einen Anruf und nach einer geheimnisvollen Unterhaltung, erklärte er sich zu einem Besuch bereit. Bei diesem Besuch zeigte der Buchhändler mir dieses oben schon erwähnte Markenheftchen        „SS GB“. Er hatte derer gleich zwei, die ich ihm abkaufte. Ich verkaufte diese dann weiter, aber - wie der Zufall so will - verkaufte mir wenig später ein mir gut bekannter Sammler ein drittes dieser Heftchen. Also mussten doch noch mehr existieren, dachte ich. Bleibt erst einmal zu erwähnen, dass das Buch von Len Deighton, SS GB, bei der Firma Jonatan Cape in London erschien. Das sind die ersten Fakten.

Bei der Suche nach weiteren Einzelheiten über diese Heftchen galt es nun, 25 Jahre später, also 2003, auf die wenigen veröffentlichten Daten zurückzugreifen. Zweifellos, jemand in der Firma Cape hatte sich damals wohl gedacht, dass man als gute Reklame für solch einen Buchtitel einmal auf etwas völlig Neues zurückgreifen sollte, z.B. auf briefmarkenähnliche Vignetten mit Hitler-Bildnis im englischen Heftchenformat. Und dies eben mit den für England typischen Zwischenblättern und den oben erwähnten Heftchenblättern. Wer die Marken betrachtet, dem fällt auf, dass sie mit ihrem nach rechts gewandten Kopf Hitlers der 1938er-Geburtstagsausgabe ähneln, die Prof. Klein entwarf. Die Wertangabe ist in der linken unteren Ecke und die Worte POSTAGE REVENUE sind in unterster Linie. Die Marken sind jeweils ohne Einrahmung.

Ich nehme nun an, dass die drei verschiedenen Heftchenblätter von dem großen 18er-Bogen herstammen. Die Heftchendeckel sind in lila-Farbgebung, auf dem vorderen Heftchendeckel ist eine Anzeige für die Zeitschrift „Punch“ zu sehen, was für scheinbare Echtheit spricht. Erst die Innenseiten beider Heftchen verraten jedoch, worum es in Wirklichkeit geht. Die Zwischenblätter sind ebenfalls bedruckt und auf dem ersten heißt es: „Es ist in Deinem Interesse, das Ausgangsverbot zu beachten. Es ist da, um Dich zu schützen“. Auf der Heftchen-Rückseite ist eine längere Reklame für den Badeort Bournemouth mit dem Preis für eine Monatsrückfahrkarte von 31 Shilling und drei Pence für die erste Klasse und zwanzig Shilling für die dritte Klasse zu lesen. Das zweite Zwischenblatt sowie die beiden Heftchendeckel-Innenseiten präsentieren eine Voranzeige für Len Deightons neues Buch „Airship Wreck“ vom l. Oktober 1938. Und dann ist ja da noch diese Ansichtskarte, die angeblich eine deutsche Siegesparade darstellen soll. Vorderseitig mit der Inschrift „Siegesparade in London 20. April 1941“ und rechts unten mit der englischen Übersetzung Victory parade, London April 20 194l“. Auf der Anschriftseite findet man ebenfalls einen zweisprachigen Druck In der Zeitung „Sunday Express“ vom 23. Juli 1978 fand ich hierzu eine verhältnismäßig große Notiz, in der der 2 1/2 d-Wert bei großer Schlagzeile abgebildet wurde. Der damalige Verfasser dieses Beitrages erwähnt, dass bis jetzt zwei Briefe mit diesen Marken gefunden worden seien und beide mit jeweils 14 d Nachporto taxiert wurden. Er erklärte außerdem, dass die Nachfoschungsabteilung des Ministeriums weitere Briefe dieser Art erwarte.

Bei Nachforschungen im Zeitungsarchiv der British Library in Colindale konnte der besagte Artikel allerdings nicht gefunden werden. Es gelang mir aber, den Schreiber des Beitrages, Steve Atkinson, ausfindig zu machen, der konnte sich aber an nichts mehr erinnern. Ein Mr. Mike Sartori erinnert sich aber, dass zwei der damaligen Angestellten in der Firma Jonatan Cape Mitglieder des Cinderella Stamp Club in England waren. Insofern lag es vielleicht nahe, dass im Nachlass von Mr. Stanard, einer der beiden damaligen Angestellten, Aufschlussreiches vielleicht zu finden sein sollte. Eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllte. Es bleibt aber das Gefühl, dass es hier einen oder gar zwei philatelistisch inspirierte „Paten“ gab, die zumindest für die Produktion des Heftchens, vielleicht auch für die Ansichtskarte zur Seite standen.

Sartori wusste auch zu berichten, dass die damalige philatelistische Fachpresse nicht zum Werbeverteiler des Verlages gehörte. Er selbst hatte versucht, bei Buchhändlern in der Charing Cross-Gegend solche Stücke zu erwerben, was ihm aber nicht gelang. Er geht davon aus, dass das Personal in diesen Buchhandlungen alles Verpackungs- und Werbematerial weggeworfen hat, obgleich jeder Bestellung - egal wie umfangreich die Order des Buchhändlers war — ein solches Heftchen beigelegt wurde.

Demzufolge war klar, dass in der philatelistischen Fachpresse auch wenig Notiz von diesem „Unikum“ genommen wurde. Wohl erwähnt es der verstorbene Henry F. Rooke in seiner Artikelserie „Phantoms“ Teil 8, erschienen in der Zeitschrift „Der Philatelist“ dem Philatelic Journal of the Great Britain Society (März/April 1986, S. 54).Er schrieb: „Was man eigentlich als Attrappenmarken bezeichnen könnte, wurde im Jahre 1968 von dem Buchverlag Jonatan Cape in London hergestellt. Für Werbezwecke produzierte man vier zusammenhängende Etiketten in schwarz, orange und rotbraun mit der Inschrift KINGDOM OF INTERSOL. Das Buch „Museum“ von Erich Backer und Anthony Earnshaw, eine Phantasiegeschichte, die sich in einem fernen Königreich abspielte, war die Ursache dieser Ausgabe. Pikanterweise sind diese „Marken“ mit einem Kreis-Datumstempel vom 25. Oktober 1968, dem Tag des Erscheinens des Buches, abgestempelt. Seitdem hat diese Firma ein Briefmarkenheftchen mit Hitlermarken, die einer deutschen Briefmarkenausgabe aus dem Jahre 1941 ähnelt und die Inschrift  POSTAGE REVENUE und außerdem unten in kleinen Buchstaben SS GB zeigen, produziert. All dies als Reklame für das gleichnamige Buch von Len Deighton, welches 1978 erschien….Die Marken erschienen auch auf der Titelseite des Buches“. Mr. John Davies sei noch erwähnt. Er war vor Jahren im Nationalen Postmuseum tätig und erinnert sich noch gut  daran, von dem schon verstorbenen Rigo de Righi Marken vorgelegt bekommen zu haben die er dann seinerzeit mit der Abteilung im Postdienst, die für die Entwürfe zuständig war und einem Mr. Steward Rose besprochen hat. Wegen der damals anstehenden Internationalen Ausstellung LONDON 80 wurde der Angelegenheit nicht viel Zeit gewidmet, aber man sprach sich gegen die Echtheit dieser „Marken“ aus, von denen man befürchtete, dass sie eines Tages als Probedrucke, Essays oder sonstige Produkte in den Markt gelangen könnten. Steven Rose betonte auch, dass die Werte und Farben nicht mit dem UPU-Farbenschema übereinstimmen würden.

Vorder- und Rückseite der Postkarte

Während meine Versuche, bei anderen Personen weiteren Aufschluss zu erhalten, scheiterten, konnte Len Deighton sich aber noch erinnern und mir die Hintergründe schildern, die zu dieser zweifelhaften Propagandamarken-Ausgabe (die natürlich keine ist!) geführt hatten. Er vermittelte mir einen Kontakt zu Mr. Raymond Hawkey, der mir schrieb: „Im Frühjahr 1978 erhielt ich von dem Werbedirektor der Fa. Cape, Anthony Colwell, den Auftrag, die Reklame für das Buch SS GB zu übernehmen und für die Werbekampagne Entwürfe vorzulegen“. Hawkey, vorher war er als Direktor zuständig für Layout und Gestaltung der Zeitungen „Daily Express“ und „Observer“, las das Buchmanuskript und meinte, dass die eindrucksvolle Vorstellung von einem England unter Nazi-Besetzung für die Allgemeinheit durch eine Briefmarke mit dem Hitlerkopf statt dem von König Georg VI. veranschaulicht werde. Man solle nur die 2 ½ d-Marke nehmen mit der Unterschrift „What if Hitler had wem“, was auf Deutsch mit „was, wenn Hitler gewonnen hätte“ zu übersetzen ist, und damit ein großes Plakat gestalten. Ob dieses geplante Plakat jemals erschienen ist, ist nicht bekannt, wohl aber, dass Hawkey - nachdem seine Ideen von Colwell und Deighton akzeptiert wurden - beauftragt wurde, Skizzen für die gesamte Werbekampagne herzustellen. Zur gleichen Zeit gab Hawkey bei Adrian Flowers die Fotomontage für die Ansichtskarte mit der Siegesparade in Auftrag. Beide hatten schon vielfach zusammengearbeitet, zumal Flowers einer der bekanntesten Fotografen jener Zeit war. So ging Flowers an einem Sonntagmorgen in die Whitehallstraße, die er fotografierte, und fügte später als Montage eine Militärparade von einem deutschen Bild in die Ansichtskarte hinein. So kam dann auch diese „Manipulation“ zustande.

Es bleibt zu erwähnen, dass es Interessenten für diese hier vorgestellten Markenheftchen gibt, von denen man bis heute nicht weiß, wie viele überhaupt existieren. In dem bekannten Buch von Wolfgang Baldus über die Kriegs- und Propagandafälschungen („Schwarze Post“) finden sich auf Seite 342 Einzelheiten zu dieser Ausgabe. Ihm gebührt das hohe Lob, als Einziger bisher überhaupt diese Ausgabe erwähnt zu haben.

Ein Nachtrag

„Offen ist bis heute die Frage, wer nun die Marken hergestellt hat“ - So lautete das Schlusswort zu diesem Beitrag, bevor ich erst jüngst die Gelegenheit erhielt, die zuständigen Archive der Universität in Reading durchzuarbeiten. Zwei Archive waren in dieser Sache nicht gehaltvoll, wohl aber das dritte, das sich speziell mit Werbung befasste. Es enthielt Zeitungsausschnitte der „Birmingham Evening Mail“ sowie des „Surrey Advertisers“, aber auch ein vergrößertes Bild der Paradepostkarte aus der „Sunday Times“ von Südafrika, zusätzlich weitere bildlose Kommentare anderer Zeitungen und Zeitschriften. Mit dabei war auch eine interessante Korrespondenz, bei der es um die Erlaubnis zur Verwendung von Briefmarkenabbildungen ging. Am  12. September 1978 bat Deighton um weitere zwölf Heftchen „wenn noch vorhanden“. In einem anderen Brief hieß es: „Ich weiß von den Problemen mit den Briefmarkenheftchen, aber der Preis erscheint extravagant hoch. Kann man da nichts machen?“ In einem weiteren Brief an den Verleger war zu lesen: „Die Heftchen wurden von Raimund Hawkey entworfen und es wurden ca. eintausend Stück gedruckt“. Einem Brief vom 9. Oktober 1978 ist zu entnehmen, dass „die Markenabbildungen in den Zeitungen nicht sehr gut und klar erscheinen“, weshalb denn auch der Verfasser meinte, man sollte in Zukunft gänzlich auf solche Abbildungen verzichten.

Zu guter letzt sei noch ein Brief von der Werbeagentur, die wohl für die Taschenbuchausgabe verantwortlich war, erwähnt, der am 5. Dezember 1978 an den Verlag gerichtet wurde. Darin steht zu lesen: „Wir werden die Druckerei bitten, Ihnen die Filme für diese Abbildungen zu leihen. Wenn sie die Marken auch wollen, ist unsere Druckerei - die Pergamon Press in Walthamstow - sicherlich am besten. Diese kennt alle Probleme, besonders die der Zähnung, die meist Kopfzerbrechen macht“.

In einer weiteren Erklärung heißt es: „Wir haben in einem ganz gewöhnlichen braunen Kuvert eine Paradekarte und ein Heftchen an alle hier von uns bekannten Buchhändler und an ausländische Agenturen ohne zusätzliche Informationen gesandt. Dies war ca. vier Monate vor Erscheinen des Buches. Wenig später versuchte wohl ein ganz besonders kluger Kopf, diese Marken als Frankatur zu verwenden, was der Post auffiel und worüber ein Artikel in der Provinzpresse berichtete.... Wie abgesprochen, berechne ich Ihnen ein Drittel der Kosten als Ihren Anteil, also 180 £ plus 50 £ für die Marken“. Letzteres war wohl für die amerikanische Agentur für den dort ausgeführten Druck. Dieser Korrespondenz kann man entnehmen, dass die Kosten für die Karte 180 £ betrugen mal drei, also 540 £, und für die Heftchen 50 £, mal drei, gleich 150 £, zusammen 690 £. Die Gesamtauflage betrug  l000 Exemplare, die in der Druckerei der Pergamon Press produziert wurden. Eine Rechnungskopie über 180 £ ist im Archiv.

Resümee: Nicht alle Fragen konnten eine Beantwortung finden, aber die Arbeit im Archiv war angenehm, sie hat einfach Freude gemacht.

 

Peter Rickenback
überarbeitet M. M.

 

Anmerkung

Mein besonderer Dank gilt all jenen, die mir bei den Nachforschungen geholfen haben. John Davies für die wichtigen internen Informationen, selbstverständlich auch Len Deighton und Raymond Hawkey sowie David Beech, dem Präsidenten der-Philatelistischen Sammlungen des British Museum. Auch dem Korrespondenten „Linksman“ und natürlich Mr. Mike Sartori für die vielen langen Telefonate, Briefe und Unterhaltungen.

Die Abbildungen stammen aus der Sammlung des verstorbenen Peter E. Rook, die er selbst zusammengestellt und noch vor seinem Tode verkauft hatte. Der englische Originaltext erschien in GERMANIA No. 4/Nov. 2003 als Basis für diese vom Autor überarbeitete Fassung.


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