In der letzten Folge wurden schon zwei häufig genannte „Väter“ der Ansichtskarten vorgestellt, einen dritten - Ludolf Parisius - gilt es noch zu beachten. Ebenso die Entwicklung, die nachfolgend in den beiden letzten Jahrzehnten, landes-, gar weltweit mit ihren Vorläufer-Produktionen initiiert wurde. Die Ansichtskarte trat ihren Siegeszug an und das Sammelfieber ergriff nahezu Jedermann, selbst die Philatelisten jener Zeit konnten sich nicht davon freisprechen, wie zu zeigen sein wird.
Ludolf Parisius: der Erfinder der Postkarte ? Wenn man sich weiterhin nur auf deutsche Urheber erst einmal beschränkt, dann scheint das Verdienst in Augen nicht weniger Zeitgenossen dem Göttinger Theologiestudenten Ludolf Parisius zuzustehen. Der 1852 geborene Parisius kam 1872 auf die glorreiche Idee, Geburtstags-Glückwünschkarten an Familie und Bekannte im Umdruckverfahren zu vervielfältigen, diese vorher mit verschiedensten gemalten Szenen wie Blumen, Stillleben etc. zu versehen. Er bot diese Karten dem Göttinger Verleger Lange an, der sie dann auch produzierte. Ebenfalls von ihm rührt eine Karte mit Göttinger Stadtansicht (Alte Pink, Göttingen) her, die am 18. Juli 1872 gestempelt worden sein soll, wohl aber eher eine Fälschung ist. Seine Karten gelten so manchem als die ersten Ansichtskarten überhaupt.
Einer Zeitungsquelle aus dem Jahr 1939 - wohl erschienen zum l00jährigen Jubiläum der Firma Lange und ein Jahr vor dem Tode Parisius im Jahre 1940 – sind hierzu nähere Angaben zu entnehmen, denn dort heißt es wörtlich: „Mit Recht hat sich in diesem Jahr wieder jemand zu Wort gemeldet, dessen Name so gut wie verschollen war. Zuletzt hat man ihn vor 30 Jahren auf einem großen Kongress der Holzschnitzer ... öffentlich gefeiert, den Pfarrer Ludolf Parisius in Osterode am Harz - der Erfinder der Ansichtspostkarte. ...“ Hören wir, was der jetzt 86 Jahre alte Herr aus Osterode davon erzählt: Er war damals, gleich nach 1870, Student, jung, lebenslustig, aber ohne Geld. Hin und wieder musste er im Auftrage seines Vaters irgendeiner Tante Glückwünsche zu ihrem Geburtstage überbringen. Dieses Amt hatte er im Namen der Familie bei sämtlichen seiner Tanten auszuüben. Dem jungen Studenten behagte es schließlich nicht mehr, immer den gleichen „Glückwunschschmus“ zu machen. Da er ein begabter Zeichner war, kam er auf den Gedanken, seine Glückwünsche auf die Vorderseite (richtiger müsste es heißen: Rückseite; Anm. des Autors) der eben vom Generalpostmeister von Stephan neu herausgebrachten „Correspondenzkarten“ zu zeichnen. Er malte ein heimatliches Motiv und setzte in Worten den Glückwunsch dazu. Das sah, da diese Arbeit im Büro des Vaters vor sich ging, ein Ingenieur, der den jungen Studenten anregte, sich die Mühe der dauernden Neuzeichnung zu sparen, und die Zeichnung einfach zu hektographieren. Pfarrer Parisius erzählte weiter, dass er beinahe den Vorschlag des Ingenieurs vergessen hatte, als wieder ein Geburtstag fällig war. Nun machte er sich dran und zeichnete gleich ein Dutzend Motive, die er hektographierte. Die erste Serie Ansichtspostkarten war geboren! Die Karten schickte er an den mit ihm befreundeten Papierwarenhändler Heinrich Lange in Göttingen, der nach einigem Zögern mit Parisius halbpart machte und die neuen Postblätter in seinem Laden verkaufte. Das war kurz nach 1870. Sarkastisch meint der alte Herr, dass andere geschäftstüchtiger als er gewesen seien und die Erfindung ausgebeutet haben. Er selbst habe aber von seinen ersten Ansichtspostkarten auch manchen guten Nebenverdienst gehabt, Heinrich Lange und Ludolf Parisius blieben jedenfalls Freunde bis ins hohe Alter. Oft noch sagte Heinrich Lange: ,Ja wenn wir das damals geahnt hätten! „Er ist vor einigen Jahren gestorben. Pfarrer Parisius aber freut sich noch heute, wenn er die modernen Postkarten gegen seine erste Serie hält“.
Soweit das wörtlich übernommene Zitat dieses Werbetextes, dessen Inhalte nicht in allen Details historisch korrekt sind. So ist der erwähnte Holzschnitzerkongress bisher nicht zu belegen; er ist vielleicht eine Erfindung Langes. Dass ein Student jung, lebenslustig und immer ohne Geld ist, mag zwar einem gängigen Klischee entsprechen, dürfte aber bei Ludolf Parisius kaum zugetroffen haben, denn immerhin stammt er aus gut situiertem Hause. Auch wenn der Vater ihn knapp hielt, für Postkarten hätte es ja wohl noch gereicht. Auch malte er kein heimatliches Motiv, sondern ein Gruß- bzw. Glückwunschmotiv! Die Jahresangaben scheinen ebenfalls fragwürdig zu sein, denn Linke zitiert Ludolf Parisius mit weiteren Statements, die besagen, dass er diese Karten im Jahre 1874 (ist das kurz nach 1870?) dem Kunst- und Papierhändler Heinrich Lange in Göttingen zum Vertrieb angeboten habe. Er präsentiert auch die Aussage eines persönlichen Briefes von Parisius, in dem dieser gegenüber Doktor Fahlbusch, dem damaligen Göttinger Museumsleiter, am 11. Januar 1939 erneut abweichende Daten angibt. „Danach wären seine vollseitig bedruckten Postkarten etwa 1873 zuerst gezeichnet, aber erst 1875 oder 1876 als Serie (von l bis 12 nummeriert), in den Handel gekommen. Denen hätte er später (um 1876/77) auch landschaftliche Karten (wie „Rohns“, „Rathhaus“, „Deutscher Garten“ etc.) folgen lassen. Wenn dies nun zutrifft, dann wären die Kartenserien von Schwartz und Parisius ungefähr zur gleichen Zeit erschienen! Eine der frühen Parisius-Karten tauchte erst vor wenigen Monaten bei der 40. Hartmut Raith-Auktion am 16. November 2002 wieder auf. Sie soll aus dem H. Länge-Nachlass stammen und ist nun dorthin wieder zurückgekehrt, wo sie wohl vermutlich ihren Ausgang genommen hat, zu den Nachkommen der Familie Parisius. Der Neffe von Parisius, Hans-Ludolf Parisius, ebenfalls Pfarrer, schrieb an den Autor: „Zu der Postkarte, die ich nun erst seit einigen Tagen bei mir zu Hause habe, werde ich Ihnen freilich nicht viele Erläuterungen geben können. Ich bin mir unsicher, ob die Adresse und das Monogramm auf der Bildseite von der Hand meines Großvaters stammen. Seine Handschrift aus seinen letzten Lebensjahren (er starb 1940) glaube ich mit Sicherheit identifizieren zu können, aber über seine Handschrift als Student müsste ich erst Belege zum vergleichen zu finden versuchen. Da diese Karten ja vervielfältigt und verkauft wurden, ist es ohne weiteres möglich, dass ein - sagen wir mal - Ludwig Petersen so eine Karte erstanden, mit seinem Monogramm versehen und verschickt hat. Absenderangaben waren damals wohl nicht üblich. So steht also nur dies eindeutig fest, dass hier das Bildmotiv vorliegt, dass mein Großvater für Glückwunsch-Postkarten (als deren Erfinder er wohl anzusehen ist) verwendete“. (18. November 2002) Der Vorbehalt der Echtheit, den hier der Neffe von Parisius selbst anspricht, besteht zu Recht, denn auch, diese Karte wird den Beweis der Echtheit erst noch erbringen müssen. Zuviel wurde später gefälscht. Analysiert man nämlich einmal den Extrakt der Pressebericht-Erstattung zum l00 jährigen Jubiläum der Firma Lange, dann ist dieser auch ernüchternd, denn auch hier scheint so manches mit Blick aufpassende Glorifizierung eigener Geschäfts-Aktivitäten von Lange „gebastelt“ worden zu sein, was des exakt wissenschaftlichen und historischen Nachweises erst noch bedarf. Nicht zu vergessen bleibt jeweils die zeitlich nachweisbare Datierung, die eben nur durch Stempelung der Post gegeben sein kann. Der Autor kann hierzu „mangels Masse“ nicht beitragen, aber ein späterer Beitrag in der philatelie wird hierzu noch weitere Aufklärung geben und diese Problemfragen erhellen.
Die Fachliteratur nennt neben Parisius noch viele weitere Namen. Manche sind umstritten, andere Produkte spätere Zuschreibungen, die der Überprüfung nicht standhielten und manche halten eine nach einem Foto von Alphons Adolf 1879 hergestellte Ansichtskarte vom Löbauer Rathaus - dem Autor ist diese aber nur aus der Literaturnennung ohne Abbildung bekannt - für die Premiere der später so beliebten Ansichtskarten. Möglich waren sie schon vorher, denn am l. Juli 1872 hatte die Post auf ein Privileg verzichtet, dass nur sie Postkarten fertigen dürfe. Damit stand dem Aufschwung der Postkarte, aber auch der Geburt der Ansichtskarte, nichts mehr im Wege.
Frühe Sammler - Fortschritt der Entwicklung 1894, hierzu finden wir einen erstauntamüsierten Hinweis vom Philatelie-Pionier Alfred Moschkau in der Zeitschrift des Dresdener Philatelisten-Vereins des gleichen Jahres, wurde im Mai in Hamburg der erste deutsche Ansichtskarten-Sammlerverein von Max Warnung gegründet, im Oktober des gleichen Jahres gründet Otto Weise in Weimar den „Tauschverband für Ansichtskarten-Sammler“, am l. Februar 1895 folgt der „Union-Tauschverband für Postwertzeichen- und Ansichtskarten-Sammler“ in Eisenach, am l. März 1895 entsteht durch Zusammenschluss der Hamburger und Weimarer Vereine der „Central-Verband“ (C.V.) der Ansichtskartensammler. Zwei Jahre nach Moschkaus Hinweis stehen erste Ansichtskartenautomaten in deutschen Großstädten. Nunmehr waren längst auch Vereine und Verbände mit dabei, Postkarten und Ansichtskarten herstellen zu lassen, teils mit, teils ohne Werteindruck. Die Literatur blühte auf, es gab spezielle Fachzeitschriften (seit 1895 die „Monatsschrift für Ansichtskartensammler im Verlag Alfred Mello in Görlitz, wenig später der „Postkarten-Sammler“ bei Heitmann in Leipzig), 1897 nicht nur das erste Adressbuch für Ansichtskartensammler, sondern auch die Gründung des „Kosmopolit“ in Nürnberg, eines Weltverbandes der Ansichtskartensammlers, am l. Mai 1898 die erste größere „Internationale Ausstellung illustrierter Postkarten“ im Grassi-Museum in Leipzig, - um nur einige relevante Daten einmal zu nennen. Der schon erwähnte Otto Weise - er war auch Redakteur der Leipziger Fachzeitschrift „Der Postkarten-Sammler“ – war einer der zahlreichen frühen Sammler jenes hier behandelten Genres, dessen Sammlung vor Verkauf im Dezember 1897 rund 32.000 (!) Ansichtskarten enthielt; dabei waren auch zahlreiche seltene frühe Stahlstich-Karten. Eine Notiz in der genannten Zeitschrift im gleichen Monat ist aufschlussreich, denn dort heißt es: „Gegenwärtig steht der größte Teil der bisher umfangreichsten und ältesten Sammlung, der des Buchhändlers Weise in Weimar, zum Verkaufe und wir hören soeben, dass scheinbar eine Übernahme im Ganzen nicht zu Stande kommen will, was im Interesse unseres Sportes ungemein zu bedauern wäre. Die abzugebenden 24.000 Ansichtskarten enthalten zahlreiche alte und nicht mehr zu erlangende Stücke, so vor allem die seltenen Stahlstiche von 1872 ab nahezu komplett (etwa 250 verschiedene). Der Preis von 1.000 Mark erscheint uns demgegenüber durchaus angemessen...“ Weise hatte Glück, denn es gelang ihm, für seine einmalige Sammlung doch noch einen finanzkräftigen Käufer und Liebhaber zu finden, einer, dessen Name wiederum auch in der Philatelie jener Zeit recht gut bekannt war: Alexander Treichel, Rittergutbesitzer in Hochpaleschken. Treichel war Lesern der Wiener Illustrierten Zeitung kein Unbekannter, hatte er doch in den ersten Jahren dieser Zeitschrift mehrere Beiträge zur „Cuvertologie“ geschrieben. Es gelang ihm, diese Sammlung zur damals größten bekannten Sammlung mit einem Umfang von 50.000 bis gar 60.000 Exemplaren innerhalb von zwei Jahren auszubauen. Treichel starb am 4. August 1901, knapp vor seinem 64. Geburtstag. Was aus seiner phänomenalen Sammlung geworden ist, entzieht sich der Kenntnis des Autors. Moschkau nennt in einem Beitrag 1892 ihm bekannte frühe Sammler, als Veteran z.B. den Staatsanwalt v. Vaghy in Oedenburg ( Ungarn ), der schon fünfzehn Jahre zuvor solche Karten ausgiebig sammelte! Als bedeutendster Spezialsammler galt ihm Dr. Ant. Knizek in Reichenberg, der neben seiner fast vollständigen Postwertzeichensammlung auch eine solche mit 1.200 illustrierten Postkarten zusammentrug. Selbst er, Moschkau, habe eine solche Sammlung, die 300 Stück und mehr enthalte. Nun, im Vergleich zu Weise sicherlich recht bescheidene Zahlen, aber Hinweise, die zeigen, dass Postwertzeichen-, Ganzsachen- und Ansichtskartensammler sich schon damals sehr wohl verwandt und benachbart fühlten. Die Entwicklung und der Siegeszug der Ansichtskarte ging ungehindert weiter. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges wurden diese Karten zum Massenprodukt, das persönliche Szenen und Erinnerungen, Biographisches und Alltägliches, aber auch Szenen der Zeit in einem bis dahin nicht gekannten Umfange festhielt. Schon seit der Jahrhundertwende hatte die Zahl der Postkarten längst die Milliardengrenze überschritten; sie war zum wichtigsten Kommunikationsmittel geworden. Dies galt umso mehr von der Ansichtskarte, die am Fortschritt der Fotographie (mit William Talbots Erfindung des Fotonegativs und des damit verbundenen Papierabzuges statt der Unikate aus Zeiten eines Daguerres) Anteil nahm. Die nunmehr ausbrechende Bilderflut rief auch die Justiz auf den Plan, die ab 1886 für einen Urheberschutz von Bildmotiven sorgte. Ab 1907 fanden auch die Werke der bildenden Künste und der Bildjoumalisten bzw. Fotografen entsprechende Urhebersicherung. Spätestens seit den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts gehörte die Ansichtskarte zum Repertoire eines jeden Badeorts, zu Anfang noch einfarbig, aber dank Fortschritts der Technik schon bald farbig. Erste frühe Ansichtskarten von Orten sind als einfarbige Karten vom Anfang der 70er-Jahre bekannt (z.B. 1878 aus Frankfurt). Ansichts- und Grußpostkarten boten fortan den Vorteil der kurzen, knappen Kommunikation, des preiswerten Bildersatzes für Jedermann, der billigen Werbung für Industrie, Handel und Gewerbe, 1905 griff die Post eine schon 1880 von Kunden vorgetragene Anregung auf und führte die Teilung der Postkarten-Vorderseite in Adress- und Mitteilungsteil ein (Amtsblatt-Vg. Nr. 2 vom 17. Januar 1905); ein bzw. zwei Jahre später wurde diese Neuerung auch international anerkannt. Zu dieser Zeit war die Postkarte schon längst ein begehrtes Sammelobjekt. Gerade zwischen 1895 und 1914 zogen Ansichts-Postkarten die Begeisterung der Massen auf sich. So z.B. 1898 bei einer Ansichtskartenausstellung in Stuttgart, bei der 10.000 solcher Karten gezeigt wurden. Es gab zu dieser Zeit zahlreiche, speziell für Ansichtskarten entworfene Sammel-Alben, die in vielen deutschen Haushalten zu finden waren. Nahezu jede dieser frühen Ansichtskarten des 19. Jahrhunderts sind heute gesuchte Stücke; nicht wenige davon teuer und selten. Sammler schätzen den dokumentarischen Charakter, heute kaufen Museen große Sammlungen solcher Karten auf, da sie wie kaum andere Objekte Zeitgeist und Kultur in Wort und Bild festhalten. Wie man sie sammelt, wie man angesichts der kaum überschaubaren Zahl, selbst der älteren Karten, hier den Überblick erhält, wie man sich spezialisiert oder gar seine Sammlung strukturiert, dies ist ein Thema für sich. Allerdings ein reizvolles, das es einmal in einer späteren Ausarbeitung zu vertiefen gilt. Eine Möglichkeit der Sammlung hat dieser Beitrag in seinen Folgen eigentlich schon beschrieben:
Den Weg zur Post- und späteren Ansichtskarte aus postgeschichtlicher Sicht
Zweifelsohne keine leicht zusammenzutragende Sammlung, sicherlich aber eine sehr reizvolle, die auch heute noch sehr aussagefähig ist.
Wolfgang Massen überarbeitet M. M.
Hinweis: Der Autor dankt Dr. Peter Steinkamp, Walter Marchart und Karlheinz Wittig für Hinweise und Korrekturen im Teil postalischer Ganzsachen, besonders aber Arnold Linke für die umfangreiche und konstruktive Begleitung zum Kapitel früher Postkarten und Ansichtskarten, Erhard Berner für ergänzende Hinweise.
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